Born 1958 in Bad Hall, Famler is general secretary of the Vienna arts association Alte Schmiede and editor of the literary magazine “Wespennest”. Together with Harald Klauhs he is joint editor of the complete works of Adolf Holl.
Am Kreuz das Gesicht in Agonie verzerrt, Hände und Füße von Nägeln durchbohrt: Das Jesus-Bild schien für immer fixiert, als 1945 im oberägyptischen Nag Hammadi eine verschollene Klosterbibliothek mit frühchristlichen Texten gefunden wurde. Unter den zahlreichen Geheimschriften fand sich auch die aus dem 2. Jahrhundert stammende Apokalypse des Petrus. Darin fragt der Apostel Jesus, wer denn der Unbekannte sei, der unter dem Kreuz so heiter lache. Und Jesus antwortet: „Der, den du neben dem Kreuz fröhlich und lachend siehst, ist der lebendige Jesus.“ Adolf Holl setzt sich lebenslang mit der Gestalt des Erlösers auseinander und folgt den Spuren des lachenden Christus von der arabischen Welt über das christliche Mittelalter bis in die Gegenwart.
Der Gott, den Juden, Christen und Muslime verehren, kann als der absolute Sieger in der Göttergeschichte gelten. Aus seinem Kraftfeld stammt auch der Heilige Geist, an den die Christenheit glaubt. Dem Heiligen Geist ist es zu verdanken, dass ein paar galiläische Fischer nach dem Tod des Rabbi Jesus den Mut fanden, eine Weltreligion zu gründen.
Adolf Holl schildert das Leben des Heiligen Geistes in einer weitgehend geistlos gewordenen Kirche. Er zeigt: Der Heilige Geist ist zwar vom Aussterben bedroht, jedoch nach wie vor lebendig. Immer noch wirkt er als Unruhestifter, der den etablierten Kirchen bisweilen mächtig im Weg ist.
Geschlecht und Gewalt sind für Adolf Holl die beiden Seiten einer Münze, mit der die Religionen den Preis für unangefochtene Heiligkeit bezahlen. Holl legt in diesem Buch den Finger auf wunde Punkte, führt uns in ein merkwürdiges Pandämonium von Priestern und Ketzern, Heiligen und Gurus, frommen Frauen und Magiern. Seine Expedition erinnert an die gefährlichen Traditionen der Religion ebenso, wie sie sich mit den modernen Abenteuern der Sinnsuche und Innerlichkeit auseinandersetzt. Sein Fazit: Erst wenn Religion bereit ist, Licht in ihre dunklen Hallen zu bringen, kann sie einen Anspruch auf Humanität einlösen.
Geplant hatte Adolf Holl eine Kulturgeschichte des Klosterwesens und der Keuschheit. Geschrieben hat er einen Reisebericht in die Tiefe der Zeiten und des Bewusstseins. Die Reiseleitung übernimmt der Schweizer Nervenarzt C. G. Jung, unterwegs begegnet man bekannten Persönlichkeiten wie dem Kirchenvater Aurelius Augustinus und dem Gott Schiwa. Zu besichtigen sind die ersten christlichen Klöster in Oberägypten, eine Festung der Templer und ein durchbohrtes Herz. Die wesentliche Spannung wird vom Kraftfeld zwischen Keuschheit und Ausschweifung geliefert. Gelehrt, ironisch und elegant erzählt Holl von der gnostischen Revolution der Moral und über die Unvereinbarkeit des Wunsches nach zölibatärem Leben mit dem Verlangen nach geschlechtlicher Lust.