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- CHRONIK EINES AUSNAHMEZUSTANDS

Residenz-Autor*innen bloggen – Tag für Tag neu. #alleswirdgut

    6. April 2020

    Clemens Berger, Wien


    Brief an Amalia

    Wir schreiben Woche drei der Isolationszeit: Deine Großeltern siehst Du nur auf unseren Telefonen, die Stadt ist beinahe im Stillstand, immer öfter weichen uns Menschen auf der Straße aus — Kinder gelten als Virenschleudern. Du blickst mit großen Augen in die Gegend und brabbelst. Du fasst mir ins Gesicht und zwickst mich in die Nase. In der Bäckerei, in der wir morgens Cappuccino und Nusskipferl holen, bist Du ein Lichtblick. Längst kennen wir den Namen des Enkels einer Verkäuferin. Sie sieht ihn nur auf ihrem Telefon.
    Dich bekümmert das Virus nicht. (Obwohl wir Dich derzeit Rudi nennen, weil Du dieselbe Frisur wie der Gesundheitsminister hast.) Du greifst nach allem, was Dir unterkommt, blitzschnell steckst Du es in den Mund, die Ladekabel unserer Telefone haben wir mit Klebeband umwickelt. Kabel haben es Dir besonders angetan; weil es davon genügend gibt, zerrst Du an ihnen, dass es eine Freude ist. Bisweilen habe ich den Eindruck, Du ahmtest manche der Leibesübungen nach, die Dein Vater nun zuhause ausführt, während Du ihm belustigt zusiehst und mit den Armen ruderst. Du dienst ihm auch als verstärkendes Gewicht bei Kniebeugen, seit heute bei Klimmzügen. Weil Dich derzeit nichts mehr ärgert als Stillstand, frohlockst Du dabei.
    Heute will ich mich bei Dir bedanken: nicht nur für das Lachen jeden Morgen, wenn ich aufwache und Dich in Deinem Bettchen liegen sehe, mit weit geöffneten Augen, den Schnuller untersuchend und kleine Reden haltend. Danke, dass ich mit Dir laut auf der Straße reden und singen und allerlei Unsinn reimen kann! Der kleine Bärlauchbär heißt so ein Lied, aber auch Amalia, das Fidikind, mit immer variierenden Strophen — und viele andere Stücke, von denen ich Dir einmal erzählen werde. Meistens habe ich Dich umgeschnallt. Wenn Du im Wagen geschoben wirst, winkst Du gern, während wir uns ausgezeichnet unterhalten; alles, was Du zu Boden wirfst, kommt in Quarantäne, nur Dein Plastkifisch wird konfischziert. Manchmal ahme ich einfach nach, was aus Dir kommt. Das erfreut Dich ungemein: Deinen Lauten wird Gehör geschenkt. Es gibt diese Sprache. Ich glaube, Du wunderst Dich bloß, dass nicht alle Wesen auf zwei Beinen diese runden Dinger im Mund haben, die Du so liebst.
    Während die Himmel flugzeugfrei sind, Fabriken stillstehen und die weltweite Schadstoffbelastung zurückgeht, während wir von Fledermäusen und Schuppentieren hören, über die das Virus in den Menschen gelangt sei, hast Du — zahnlos — zu schmatzen begonnen. Weil Dir Deine Mutter in einem Buch gemalte Tiere zeigt und Dir die entsprechenden Laute vormacht, besonders jene der Löwin, hast Du zu fauchen begonnen. Wenig erheitert uns in diesen Tagen so sehr wie dieses Fauchen. Deine Mutter krabbelt Dir auch auf dem Boden vor; aber das hat noch keine ähnlichen Auswirkungen gezeitigt wie ihr Vorfauchen. Als wir vor wenigen Tagen vor dem verschlossenen Eingang eines Lokals in der Sonne standen, kam ein junges Pärchen an uns vorbei. Du fauchtest. Ein Drache, sagte die junge Frau. Löwin, sagte ich. Tut mir leid, sagte sie.
    Der größte Dank aber gilt Deinem engelsgleichen Schlaf. Wir legen Dich kurz nach sieben Uhr abends ins Bett, Du schläfst schnell ein, und wenn wir Dich um Mitternacht zur Fütterung in unser Bett legen, beneide ich Dich darum, gleichzeitig fast zu schlafen und zu trinken und mit dem Schnuller zu spielen: traumwandlerisch. Nach zweihundert Millilitern Milch bekommst Du Deinen Schnuller. Dann lallst Du wie eine Betrunkene, lässt den Schnuller nonchalant im Mund kreisen, und wenn Du aufwachst, weil wir Unsinn mit Dir treiben wollen, bietest Du uns bisweilen Deinen Schnuller an. Dann fauchst Du. Es klingt, zugegeben, wie ein Drache. Der Drache schläft bis sieben. Danke!

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    25. März 2020

    Clemens Berger, Wien

     

    Brief an Amalia

    Der letzte Tag in der Freiheit, wie wir sie kannten, fiel auf einen ungewöhnlich warmen Donnerstag Mitte März. Ich führte Dich im Kinderwagen aus, als ich von einem Freund die Nachricht bekam, am nächsten Tag würden Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus verkündet, die unser Leben drastisch veränderten. Freunde aus den Medien konnten das nicht bestätigen, meinten allerdings, am Abend gebe es ein Pressegespräch mit dem Kanzler. Wir fuhren am ersten Supermarkt vorbei, in den zweiten aber hinein, vorbei an halbleeren Regalen und gestressten Menschen. Das Erstaunen darüber, dass es auf einmal nicht mehr alle Sorten Nudeln und von manchen Lebensmitteln wenig bis nichts mehr gibt, sagt viel über das Leben im Globalen Norden aus: Was anderswo die Regel ist, verbreitet hier Panik.
    Ich schob Dich in einen Park. Überall beratschlagten Mütter und Väter, wie sie mit der kommenden Schließung der Schulen und Kindergärten umgehen sollten. Universitäten und Theater waren bereits geschlossen. Alles blühte, Du griffst in einen gelben Strauch, als mir klar wurde, dass das vielleicht nicht so gut sei, weil Du derzeit alles, was Du zu greifen bekommst, in den Mund steckst oder zu stecken versuchst. Es folgte eine kleine Auseinandersetzung um den Goldflieder, den Du in Deiner Faust hieltst; am Ende gelang es mir aber doch, die Oberhand zu behalten und Dein Händchen zu säubern. Mit größtem Interesse beobachtetest Du die Kinder, die laufen und reden können.
    Am nächsten Morgen, als wir zu unserem Spaziergang aufbrachen, fiel mein erster Blick auf zwei Männer in orangen Anzügen, die mit Kärchern Mistkübel desinfizierten. Der zweite Blick fiel auf einen jungen Mann, der mit einem heillos überladenen Einkaufswagen aus dem Supermarkt kam. Den dritten Blick hätte ich mir schenken können, trotzdem fuhren wir an die Scheiben heran und sahen: Menschenschlangen vor den Kassen. Auf unserem Weg zur Schmelz beratschlagten wieder Eltern vor Schulen und Kindergärten, ich vereinbarte mit Deinen Großeltern in Oberwart, den fürs Wochenende geplanten Besuch zu verschieben. Auf der Schmelz spielten Kinder Schnitzeljagd, liefen einander hinterher und riefen: Hast Du jetzt Corona, oder was?
    Zuhause schaltete ich das Fernsehgerät ein. Weil Du Österreicherin und Deutsche bist, lauschten wir zuerst den deutschen Nachrichten. Ein Unternehmer an der Grenze zum Elsass, wo viele mit dem Virus infiziert sind, meinte, er lasse seine Arbeiter weiterhin aus Frankreich zur Herstellung von Pipelines kommen, weil dies noch nicht verboten sei. Ein junger Arbeiter sagte: Wir sollten einfach weitermachen wie immer. Kurz darauf verkündete die österreichische Regierung ihre am Montag einsetzenden Notmaßnahmen.
    Montagmorgens spazierten wir über stille Straßen, an uns fuhren leere Straßenbahnen vorbei, Geschäfte hatten geschlossen, im Vogelweidpark und auf der Schmelz war es ruhig wie nie. Am Vortag warst Du sieben Monate alt geworden. Du hast ein neues Bett bekommen, das Beistellbettchen ist zu klein geworden. Wir erleben gerade, wie schnell drastische Maßnahmen ergriffen werden können. Wir hoffen, dass, wenn das Schlimmste überstanden ist, eine große Forderung erschallt: Dass es auf keinen Fall weitergehen soll wie immer.
    Kurz nach sieben Uhr abends betrat ich einen leeren Supermarkt. Deine Mutter wartete mit Dir vor der Tür. An der Kassa gab mir die Kassiererin ohne Erklärung fünfundzwanzig Prozent Rabatt auf jeden Artikel. Als ich es bemerkte, bedankte ich mich. Sie lächelte.

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