Der russisch-jüdische Erzähler lebt in Berlin, seine kranke Mutter kann er nicht mehr in Moskau besuchen, da ihm dort die Verhaftung droht. So bleiben ihm nur Telefonate mit ihrer immer leiser werdenden Stimme, Erinnerungen an ein Aufwachsen in einer gewaltvollen Diktatur und die unzähligen Geheimnisse, die am Küchentisch der Eltern erzählt wurden. Vor allem von der umtriebigen Natalia, die in Paris einst Concierge in dem Hotel war, in dem Paul Celan wohnte, und die über Celans Leben und Lieben mehr zu berichten hat, als die Forschung weiß. Überzeugend verbindet Schumatsky seine politische Verzweiflung über Russlands Krieg gegen die Ukraine und den Antisemitismus vor seiner Haustür mit Kindheitsbildern und einer persönlichen Lesart von Celans Leben, Schreiben und Tod.
Was verbirgt sich unter einer Stadt? In „Fehlende Gespenster“ folgen wir einer raffinierten Erzählerin in das sagenumwobene Wiener Tunnelsystem. Nach der Eröffnung des Zentralfriedhofs 1874 wurde es zur Überführung der Leichen mittels einer pneumatischen „Rohrpost“ entwickelt, der letzte „Passagier“ war angeblich Niki Lauda. Und das ist nur eine der absurden Geschichten, die Merian, eine rätselhafte junge Frau, bei ihren Führungen durch die stillgelegten Tunnel erzählt. Doch wem sollten wir auf einer Reise durch die Unterwelt vertrauen? Mit verdächtiger Erzählfreude und finsteren Absichten nimmt Merian ihre abenteuerlustigen, aber vielleicht ein wenig vorlauten Besucher mit in ein Labyrinth, aus dem nicht alle heil wieder herausfinden werden …
In diesem so zärtlichen wie realistischen Buch geht Peter Henisch auf die Suche nach seiner Mutter Rosa. Ausgehend von Erinnerungen an die Wirren des Kriegsendes und sein Aufwachsen in der Nachkriegszeit folgt er den Spuren ihres Lebens.
„Muttersuchen“ verbindet Zeitgeschichte mit Familiengeschichte bis in die 1980er Jahre. Peter Henisch erzählt von einem nicht alltäglichen Frauenschicksal, von der Geschichte einer Frau, die sich nach und nach aus der ambivalenten Beziehung und Abhängigkeit von ihrem Mann, einem bekannten Kriegs- und Pressefotografen, zu befreien versuchte. Geschrieben ohne Scheu vor Tabus. Und trotzdem eine Hommage.
„Tieftiefblau“ verschmilzt Autofiktion und Nature writing zu einer atmosphärischen Erzählung über die Suche nach der eigenen Identität, nach Zugehörigkeit und einem Leben jenseits enger Normen. Zwischen erster Liebe, One-Night-Stands und polyamoren Beziehungen fragt Nikki Dekker, was wir von Wasserwesen über Liebe und Gesellschaft lernen können. Sie verbindet unförmige Blobfische mit einer Kritik an Normschönheit, queere Robben mit ihren bisexuellen Erfahrungen und sanftmütige Seekühe mit einem Nachdenken über unser Zusammenleben. Im Wasser löst sich die Normativität auf, die uns auf dem Festland erdrückt. „Tieftiefblau“ ist ein lustvoller Roman über die Sehnsucht nach einem Leben, das trägt, statt einzuengen.