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Highlights

- CHRONIK EINES AUSNAHMEZUSTANDS

Residenz-Autor*innen bloggen – Tag für Tag neu. #alleswirdgut

    21. April 2020

    Daria Wilke, Wien


    Man könnte glauben, die Kinder dürften mit Puppen und Masken spielen, im Puppentheater, in dem meine Eltern arbeiteten. Der riesige Raum, voll von Marionetten, Stab- und Handpuppen, großen und kleinen Masken, zog uns, die Kinder der Schauspieler, mit ungeheurer Kraft an. Wir träumten davon, in diesem Depot leben zu dürfen und ewig mit den Puppen zu spielen. Vor den Masken fürchteten wir uns und wollten trotzdem unbedingt hineinschlüpfen – in eine andere, fremde Haut. In der Maske roch es nach Staub, Schminke und Kleister, es war unbequem und eigenartig da drinnen, jeder Atemzug fiel schwerer und man konnte auf einmal den eigenen Atem spüren – aber das Gefühl, im Handumdrehen ein anderes Gesicht zu haben, eine andere Person wie ein Kleid anzuprobieren, war überwältigend.
    Später, wenn das Wort „Maske“ fiel, dachte ich an das Puppendepot aus meiner Kindheit – oder an Masken der Commedia dell'arte, an den Karneval in Venedig und an die weiße Bauta Casanovas. Jetzt ist alles vom Coronavirus weggewischt. Jetzt ist „Maske“ die Maske, eine für Atemschutz – und zum Schutz der anderen. Etwas, was eher an Krieg und Krankheiten erinnert als an die Kunst, an Theater oder Karnevalkultur. Vorerst. Denn falls die Maske länger bleibt, kann ihr Wert mutieren – wie das Virus selbst. Unsere Vorfahren haben für uns vorgesorgt und uns ein Sammelsurium an Interpretationen überlassen: die Maske als Allegorie der Täuschung oder Symbol der Unterwerfung, eine Maske, um sich zu tarnen, oder um eigene Anonymität zu bewahren und sich Freiheit zu nehmen, alles zu tun, ohne ertappt zu werden. Die Maske als Inbegriff der Komödie oder als Symbol der tragischen Muse Melpomene, eine Maske, die den Tod verspottet, und eine, die an den Tod erinnert – man kann nach Lust und Laune aussuchen, welche Deutung einem selbst zusagt. So viel Freiheit hat man ja immer.
    Und noch zur Freiheit. In unserem Vorzimmer hängen Masken. Zum Ausgehen – weiße und schwarze. Zur Auswahl. Zum Rollenwechsel. Man kann schließlich schon jetzt wählen, was man spielt. Wenn man Mist runterträgt oder einkaufen geht.

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    7. April 2020

    Daria Wilke, Wien


    Er liegt, von der Krankheit hingestreckt: die Augen geschlossen, der muskulöse Arm hängt hilflos – ich kann den Blick von der Skizze François Perriers nicht abwenden. Die Zeichnung aus der graphischen Sammlung der Albertina heißt „Studie eines Pestkranken“ und stammt aus dem siebzehnten Jahrhundert. Ein Kinngrübchen, die mit Rötel angedeuteten Linien des nackten Körpers und der feine Abriss des Halses – ich kann es einfach nicht lassen, ihn anzusehen. Nicht nur wegen der Pest, sondern weil er so schaurig-schön ist. Über die Zeichnungen Perriers ist fast nichts bekannt, aber wahrscheinlich ist diese Skizze ein Entwurf für sein Bild „Der Heilige Rochus bittet für die Pestkranken“. Rochus, Patron der Kranken. Ein Heiliger, der Pest, Cholera und alle möglichen Seuchen abwenden kann, der Ärzte, Apotheker, Totengräber, Spitäler und Siechenhäuser beschützt – ein Heiliger für heutige Zeit also.   
    War die Szene, die Perrier zeichnete, nachgestellt? Oder skizzierte er wirklich einen Pestkranken, in einem Pestlazarett oder auf der Straße? Er war ja vielleicht gerade in Italien, als die Epidemie im Norden des Landes ausbrach... Was dachte er sich dabei? Hatte er Angst?
    Auf einmal haben Lebensgeschichten großer Künstler für mich eine andere Bedeutung, mit jedem Tag der Pandemie nehmen sie eine neue Dimension an: Caravaggio verlor seinen Vater und Großvater an die Pest, Rembrandt seinen Sohn Titus und Rubens seine erste Frau Isabella. Michelangelo flüchtete von der Pestepidemie in Florenz nach Rom und wurde dort erfolgreich, Tintoretto schuf seine besten Werke, während die Seuche Venedig abermals entvölkerte, Tizians „Pietà“ blieb wegen der Pest unvollendet, und Hans Holbein malte in London sein Selbstbildnis kurz bevor ihn die Krankheit holte – das erste und das letzte Mal, dass er sich selbst poträtierte.
    Die Kunst ist regelrecht verseucht: die Pest ist eine Lebensgefährtin der Künstler und ihr großes Thema – warum habe ich das früher nicht gemerkt? Wie fühlte sich das an? Versuchten sie vor der Todesangst in die Kunst zu fliehen - oder trotzten sie mit ihrer Kunst dem Tod? Glich jeder Kunstakt einer Heldentat? Sind ihre Werke deshalb so ausdrucksstark geworden, weil sie – egal, wie düster sie zu scheinen mögen – eine lebensbejahende Aussage sind?
    Sie alle sind mir auf einmal näher denn je - ich überlege, was sie jetzt, heute tun würden. Würde Caravaggio eine Gesichtsmaske tragen – oder hätte er gegen Einschränkungen rebelliert? Hätte El Greco auf Instagram eine freche Künstlerinitiative gegen Coronavirus gestartet? Würde Rubens sein diplomatisches Netzwerk nützen, um Schutzausrüstung für Spitäler aufzutreiben?...
    Medien in allen Sprachen sind mit Zukunftsdeutungen überfüllt – ein ohnmächtiger Versuch, die Kontrolle über das Ungewisse zu gewinnen. Die Welt nach Corona wird neu sein und keiner weiß, was von dieser Welt zu erwarten ist. Ich weiß es auch nicht, ich versuche, statt der Zukunft die Vergangenheit zu deuten. Und wenn ich zurückblicke, ist mir eines bewusst: es kann sein, dass diese neue Welt eine neue Kunst brauchen wird. Kunst, die über Elend, Ausweglosigkeit und Angst siegen kann, die die Hoffnung auf eine neue Renaissance nährt – auf eine persönliche Renaissance zumindest. Kunst, die vielleicht gerade jetzt entsteht?

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    Buch von Daria Wilke

    Coverabbildung "Die Hyazinthenstimme"

    Daria Wilke - Die Hyazinthenstimme

    Im Haus Settecento hat der zwielichtige „Zar“ nach dem Vorbild der Barock-Konservatorien ein verstecktes Internat geschaffen. Hier werden hochbegabte Knaben ausgebildet – und kastriert, um wie die Kastratensänger des Barock die spektakulärsten Rollen singen zu können. Als der kleine Timo mit der Zauberstimme nach Wien flieht und sein Mentor Matteo loszieht, um ihn zu suchen, muss sich die Kunstwelt mit der Realität konfrontieren: Matteo wird zum Straßensänger, zu Jäger und Gejagtem. Der Zar scheint ihm auf der Spur zu sein, und um Timo zu finden, muss er sich in der harten Welt der Obdachlosen behaupten. Erfüllt von den Klängen der Barockoper, erzählt Daria Wilke die atemlose Geschichte eines Geheimbunds, der bereit ist, jeden Preis für Schönheit zu zahlen.