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Highlights

- CHRONIK EINES AUSNAHMEZUSTANDS

Residenz-Autor*innen bloggen – Tag für Tag neu. #alleswirdgut

    5. April 2020

    Judith Brandner, Königstetten


    Freund Ogino darf seine 98jährige Mutter nicht mehr besuchen. Er gibt bei der Rezeption des Altersheimes eine Portion Eiscreme für sie ab. Sie lebt auf der Demenzstation. Ihren Sohn erkennt sie schon lange nicht mehr. Ihre Leidenschaft für Eiscreme ist geblieben. Ogino ist nach Kyoto gekommen, um im Krankenhaus nach einer Knieoperation die Schrauben herausnehmen zu lassen. Ansonsten lebt er in Thailand. Jetzt aber hat Thailand die Grenzen dichtgemacht und lässt ihn nicht mehr zurückreisen. Sho ga nai, sagt er schicksalsergeben. Da kann man nichts machen.
    Ein Farbholzschnitt von Tsukioka Yoshitoshi aus dem Jahr 1891 zeigt einen Mann, der seine alte Mutter auf dem Rücken einen Berg hinaufträgt. Es ist der Berg obasuteyama in der Präfektur Nagano, übersetzt „der Berg, auf dem die alte Oma weggeworfen wird“. Obasuteru, also die Oma entsorgen, bezeichnet den Brauch, die eigene Mutter auf den Berg zu tragen, dort auszusetzen und sie dem Hungertod zu überlassen, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht hat. Es ist eine alte japanische Legende, die in mehreren Varianten und immer wieder neu erzählt wird. Eine davon ist die Geschichte, dass die alte Mutter, während der Sohn sie auf dem Rücken hinaufträgt, die überhängenden Äste der Bäume erhascht und abknickt. Als sie oben angelangt sind, fragt der Sohn, warum sie das gemacht hat. „Damit du dich beim Zurückgehen nicht verirrst, mein Sohn!“, antwortet die Mutter. Da weinte er bitterlich und nahm sie wieder mit hinunter.
    Im Elsass, so hört man in diesen Tagen, werden Patient*innen in Krankenhäusern oder Pflegeheimen ab einem gewissen Alter nicht mehr beatmet. Sie bekommen eine Überdosis Schmerz- oder Schlafmittel.

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    28. März 2020

    Judith Brandner, Königstetten


    Ich möchte nur schlafen. Neulich waren es 12 Stunden am Stück. Vielleicht sollte man diese Krise einfach verschlafen. Der Schlaf ist nicht erquickend. Eine bleierne Müdigkeit lähmt mich tagsüber. Die Zeit verrinnt. Ständig das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Nicht rasch genug auf die letzten Nachrichten reagiert zu haben. Auch die Katzen schlafen jetzt noch mehr als sonst. Sie machen nur kurze Spaziergänge. Alleine. Suchen unsere Nähe. Schlafen in unserem Bett. Kuscheln sich an uns. Normalerweise genieße ich die Stille in meinem Büro daheim, mit dem einzigartigen Blick auf den Garten und den Teich. In diesen Tagen ist sie mir zu laut.
    Die Olympischen Spiele in Tokyo sind um ein Jahr verschoben worden. Auf 2021, das Jahr, in dem sich auch die Dreifachkatastrophe mit dem Super-GAU in Fukushima zum zehnten Male jährt. Schon bald, Ende Juni, wartet ein Kamerateam in Hiroshima auf mich. Bis dahin bin ich sicher wieder aufgewacht.

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    26. März 2020

    Judith Brandner, Königstetten

     

    Es ist uns einfach so lang so gut gegangen. Zu gut gegangen. Sagt meine Mutter, mit der Betonung auf ZU. Sie lebt in Salzburg, ich in Niederösterreich. Ich rufe sie in diesen Tagen öfter an als vorher. Nicht mehr nur am Samstag. Ihr Leben hat sich wenig verändert. Die Heimhelfer*innen tragen jetzt Schutzkleidung. Der Zusteller von „Essen auf Rädern“ hält Abstand und nimmt kein Bargeld mehr. Der Fußpflegetermin ist abgesagt worden. Mutter klingt jetzt fröhlicher als vorher. So viele Nachbar*innen haben ihr ihre Hilfe angeboten! Der Bundespräsident hat so schön und respektvoll von den alten Menschen gesprochen! Auch der Bundeskanzler mache sich sehr gut, findet sie. Mit meinen Schwestern tausche ich Blumenbilder via WhatsApp aus. Ich beginne den Tag mit einem Foto von der eben aufgeblühten rosa-weißen Kamelie im Garten. Die Jüngere, im hunderte Kilometer entfernten Home-Office in Deutschland, möchte gerne bald telefonieren. Sie fühle sich ein wenig isoliert. Sie darf nicht mehr nach Österreich einreisen.
    Japan ersucht alle Reisenden aus Europa, Ägypten und dem Iran, sich 14 Tage unter Selbst-Quarantäne zu stellen. Die ersten findigen Hotelbesitzer bieten günstige Zimmer an. Wer will jetzt ausgerechnet nach Japan?! Mein Ticket nach Tokyo für Juni habe ich vorsorglich schon lange davor gebucht. Weil doch zu erwarten war, dass die Preise rund um die Olympischen Spiele in die Höhe schnellen würden. Auch mein Lieblingshotel in Tokyo ist vorreserviert. Und nun gibt es diesen neuen, unsichtbaren Feind, der sich ausbreitet. Ich denke an Fukushima. An die Menschen, die sich an das Leben mit einer unsichtbaren Gefahr gewöhnt haben. Oder davor geflüchtet sind. Vor Corona kann jetzt keiner mehr flüchten. Geschlossene Geschäfte, leere Plätze. Menschen mit Masken. Die Aufforderung, daheim zu bleiben und Kontakte zu meiden. Im dekontaminierten Fukushima immer noch Hot-Spots, nach neun Jahren. Da ein Atomkraftwerk, das in die Luft geflogen ist und winzige radioaktive Partikel ausgestreut hat. Dort ein Virus, das sich in feinen Aerosolen über uns breitet und in uns eindringt. Man sieht es nicht, man hört es nicht, man riecht es nicht. Die Radioaktivität ist nicht übertragbar. Man-made disaster, in beiden Fällen. Wildtiere am Speiseplan in der chinesischen Provinz, Ballermann und Komasaufen in den Tiroler Bergen. Keine Naturkatastrophen. Ich esse keine Tiere. Die, die mit uns leben, sind mir jetzt wichtiger denn je.
    Die gute Nachricht kommt am späten Nachmittag. Endlich ruft E. an. Er und seine Frau R. haben seit vier Jahren auf einen Asylbescheid gewartet. Jetzt ist er da. Positiv. Eine Sorge fällt weg. Bald wird R. ihr zweites Kind bekommen. E. und R. haben die letzten Monate fast durchgehend im St. Anna Kinderspital verbracht. Ihr dreijähriger Sohn wartet auf eine Knochenmarktransplantation. Er hat Leukämie. 
    Schriftsteller-Freund*innen schicken mir Texte und Links zu ihren YouTube-Auftritten. Die älteste von ihnen, Jahrgang 1923, telefoniert lieber. Sie fühle sich an das Frühjahr 1945 erinnert, kurz nach der Befreiung, an die Unsicherheit über die Frage, wie es weitergehe würde. Der Antrag meiner Mutter auf Erhöhung der Pflegestufe ist abgelehnt worden. Es fehlen vier Stunden Pflegedarf. In einem Jahr darf sie, die heuer 83 geworden ist, einen neuerlichen Antrag stellen. Sie nimmt es mit erstaunlicher Gelassenheit.

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    Buch von Judith Brandner

    Coverabbildung von " Japan "

    Judith Brandner - Japan

    Inselreich in Bewegung

    Ein Inselreich ohne Kontakt zur Außenwelt – das war Japan beinahe 270 Jahre lang. So konnte sich eine ganz eigenständige Kultur und Gesellschaft entwickeln, auf die Japan bis heute stolz ist. Obwohl Japan für viele im Westen immer noch exotisch und fremd scheinen mag, hat es auch viele Facetten eines westlichen Industrielandes. Wie sehen die japanische Gesellschaft, die Wirtschaft und Politik im 21. Jahrhundert aus? Hat sich die Einstellung zur atomaren Energiegewinnung nach Fukushima verändert? Warum wollen viele junge Japaner*innen keine Familien gründen? Die Japan-Spezialistin Judith Brandner spannt den Bogen vom historischen Japan zur heutigen Gesellschaft. Eine spannende Reise in ein dem Westen oft noch unbekanntes Land.