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Highlights

- CHRONIK EINES AUSNAHMEZUSTANDS

Residenz-Autor*innen bloggen – Tag für Tag neu. #alleswirdgut

    28. April 2020

    Tina Pruschmann, Leipzig


    Winkekatzenjammer

    Wie viel ist ein Meter fünfzig? Reichen zwei Armlängen? Oder lieber noch eine halbe dazu? Seit einer Woche und ein paar Tagen gelten die neuen Kontaktregeln. Unter Einhaltung des Abstandsgebots ist es nun erlaubt, einen Menschen zu treffen, mit dem man nicht zusammenlebt. Seitdem gleichen die Nachmittage ein wenig Einzelvisiten mit Freund:innen. In Zeiten vor der Pandemie begann eine solche Verabredung mit einer herzlichen Umarmung. Die Umarmung als Grußgeste im Privaten hatte sich in den vergangenen Jahren auch im Osten der Republik gegen das distanzierte Handgeben durchgesetzt. Sogar unter Männern, wobei das männliche Umarmen oft eher einem beherzten Abklopfen gleicht, das gern mit einem Händeschütteln verbunden wird, ein eleganter Weg, um für Distanz in der Umarmung zu sorgen. Soziologisch gesehen dienen Begrüßungsrituale der gegenseitigen Versicherung, in friedfertiger Absicht unterwegs zu sein. Es gilt: Je näher, desto vertrauter, desto geringer die Gefahr. Bezeichnenderweise ist eine Umarmung ja nicht nur Eröffnungsakt eines geselligen Aufeinandertreffens, sondern auch eine Geste des Beschützens und Schutzsuchens. Die Pandemie aber stellt die Dinge auf den Kopf: Räumliche Isolation verspricht größeren Schutz als die Arme eines Freundes oder einer Freundin und das Winken aus der Einen-Meter-fünfzig-Ferne hat zumindest vorerst die Begrüßungsumarmung ersetzt. „Wir sehen aus wie diese japanischen Winkekatzen“, beschrieb es eine Freundin kürzlich. Meist begleitet dieses Begrüßungswinken ein merkwürdiges Aufeinanderzu- und Voneinanderwegschwanken. Wie viel ist ein Meter fünfzig? Reichen zwei Armlängen? Die eingebübten „Zärtlichkeiten mit Freunden“ (ich zitiere den Namen eines großartig kasparetten sächsischen Musik-Duos) sind aus dem Takt geraten und wir merken, dass der Körper doch träger ist als der Geist. Und schlauer. Uns fehlt das Sensorium dafür, wie wir uns pandemiegemäß zueinander anordnen sollen. Zwei Armlängen schaffen einen Raum zwischen uns, der leer ist, er sagt uns nichts, er lässt uns weder Liebe noch Fürsorge fühlen. Winkekatzenjammer, also. Vorerst müssen wir uns wohl damit begnügen, uns daran zu erinnern, wie es war. Davor. Und je länger die Krise andauert, um so mehr kommt es auf dieses Erinnern an, wenn der Körper träge und die Umarmung begehrlich bleiben sollen. In diesem Sinne, fühlt euch alle herzlich umarmt.

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    15. April 2020

    Tina Pruschmann, Leipzig


    Das verborgene Bild

    Gäbe es die Pandemie nicht, säße ich dieser Tage in einem Fernbus nach Kiew. Der Weg führt die Via Regia entlang über Breslau und Lwiw. Die Fahrt dauert 24 oder 28 Stunden, je nachdem, wie sehr sich der Verkehr an der polnisch-ukrainischen Grenze staut. Ich wollte gern im Frühjahr fahren. Es heißt, Kiew – die Stadt der Kriegsdenkmäler und Klöster – sei am schönsten, wenn die Kastanien blühen. Eine Millione Bäume soll der Bestand zählen. Allerdings sind nicht allein die Kastanien der Grund der Reise. Ich recherchiere für den nächsten Roman und mein Interesse gilt Tschernobyl; dem havarierten Kraftwerk und dem Provinzstädtchen, das der Atomstation seinen Namen gegeben hat. Was es in Tschernobyl zu sehen gibt, ist ein andauernder Ausnahmezustand. Abgeschirmt von einem Sarkophag lagern in Reaktor Nummer vier noch immer zweihundert Tonnen geschmolzenes Uran. Es besteht zu 99 Prozent aus Uran-238 mit einer Halbwertzeit von 4,5 Milliarden Jahren. Wenn also in vier oder fünf Milliarden Jahren die Welt aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich untergeht und eine aufgeblähte Sonne die letzten Mikroorganismen von der Erde brennt, wird gerade einmal die Hälfte des Urans aus Reaktor vier zerfallen sein. Das ist die Zeitrechnung von Tschernobyl. Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal in Kiew war, habe ich den Tschernobyl-Trip nicht geschafft, ich fühlte mich zu schlecht vorbereitet, oder ich habe mich nicht getraut. Radioaktivität, da ist sie einem Virus ähnlich, sieht, hört, riecht man nicht. Während die Strahlungswerte steigen oder ein Virus sich verbreitet, wärmt die Sonne trotzdem unsere Haut, die Frühlingsblüten duften, an den knorrigen Ästen der Bäume bricht zartes Grün hervor. Diese Nichtwahrnehmbarkeit einer Gefahr ruft die unterschiedlichsten Reaktionen hervor. Bei den einen breitet sich Panik aus, bei den anderen eine leichtsinnige Unerschrockenheit. Als ich die Fahrt nach Kiew gebucht habe, war das Thema Corona in Deutschland bereits angekommen. Aber nicht bei mir. Eine Freundin, die mich über die Buchmessetage besuchen wollte, fragte mich Ende Februar, ob die Messe denn angesichts der Corona-Epidemie überhaupt stattfinde. Mir kam ihre Besorgnis ein wenig übertrieben vor. Eine Woche später kam die Absage von der Buchmesseleitung. Und dass Corona meine Kiew-Reise beeinflussen könnte, realisierte ich erst, als die Ukraine begann, die Grenzen zu schließen. Ich fragte Artëm, der in Kiew lebt, wie er die Lage einschätzte. Die Situation sei völlig unübersichtlich, antwortete er und riet mir, die Reise zu verschieben. Er hatte schneller begriffen als ich. In der ersten Zeit der Kontaktsperren habe ich mir stundenlang die Bilder des Ausnahmezustandes angeschaut. Leergehamsterte Regalreihen in den Supermärkten, erschöpfte Krankenpfleger, Ärztinnen, Patienten an Beatmungsgeräten auf den Intensivstationen, provisorische Corona-Kliniken, die an Feldlazarette erinnern, applaudierende Menschen auf Balkonen, der Papst, der auf dem menschenleeren Petersplatz betet, und vermummte Putzkolonnen, die – wie in Italien oder Spanien – Straßen und Plätze desinfizieren und die mich unweigerlich an die Tschernobyler Dekontaminierungstrupps erinnerten. Es sind Bilder, die das Potenzial haben, sich ins kulturelle Gedächtnis einzuschreiben. Was aber ist das verborgene Bild, das weniger ikonenhafte, das eher archäologische, das die tieferen Sedimentschichten eines Ereignisses einfängt? Das verborgene Bild der Katastrophe von Tschernobyl habe ich in Alexander Kluges Buch „Die Wächter des Sarkophags“ gefunden. Zu sehen ist ein ferngesteuerter Spielzeugraupenpanzer, auf dem eine Videokamera festgebunden ist. Der Raupenpanzer wurde aus dem Moskauer Kaufhaus GUM beschafft, um den „Elefantenfuß“ untersuchen zu können. Im Zuge der Reaktorexplosion war hochradioaktiver Brennstoff mit Sand und Siliciumoxid zusammengeschmolzen und als lavaartige Masse bis in den Keller des Reaktorgebäudes geflossen. Die Form dieses Gebildes erinnert an einen Elefantenfuß, daher der Name. In ihm tobt die Radioaktivität, man kann sich nur mittels ferngesteuerter Gerätschaften von einem abgetrennten Raum aus nähern. Als Kind hatte ich auch ein Spielzeugauto, das sich fernsteuern ließ. Es war kein Raupenpanzer, sondern ein Plastik-Wartburg der DDR-Volkspolizei. Als ich das Bild in Kluges „Die Wächter des Sarkophags“ sah, stellte ich mir die Wissenschaftler vor, die im Epizentrum des weltweit größten anzunehmenden Unfalls sitzen, so wie ich damals auf dem Teppich im elterlichen Wohnzimmer, und einen Spielzeugpanzer steuern, um Dinge zu erforschen, die sie sonst niemals hätten erforschen können. In ihrem kindlich anmutenden Fortschrittsoptimismus schien die Phantasie derart verkümmert zu sein, dass sie sich den GAU auch dann noch nicht vorstellen konnten, als er längst passiert war. Tschernobyl war das Fanal einer durch und durch technokratisierten Gesellschaft.
    Was aber ist das verborgene Bild der Corona-Pandemie? Vielleicht ist es ein Bild aus Bangkok, auf dem zwei Neugeborene zu sehen sind, deren erster Blick in die Welt durch ein Plastikschild geht, das sie schützt, damit sie sich nicht infizieren. Vielleicht ist es aber auch zu früh, diese Frage zu beantworten. Die Reise nach Kiew werde ich nachholen. Später. Nach der Krise. Dann eben September, hatte ich Artëm geschrieben, wenn die Kastanien auf die Autodächer fallen. Bang-bang-bang. Ich vermute fast, ich unterschätze das Virus schon wieder.

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    5. April 2020

    Tina Pruschmann, Leipzig


    Tiefe Töne

    „Jahrzehnte wird das dauern“, sagt eine Patientin. Sie hält eine Tube mit blauer Acrylfarbe in der einen Hand und einen bauschigen Pinsel in der anderen. Auf dem Tisch vor ihr steht ein Elefant aus Pappe. „Oder länger“, ergänzt sie. Die Frau, die den Pappelefanten bemalt, ist neu in der psychosomatischen Klinik. Ich bin es auch. Seit einigen Wochen habe ich einen Minijob als Ergotherapeutin. Den Beruf habe ich einmal gelernt. Mehr als zwanzig Jahre ist das her. Wie ich zu diesem unerwarteten Job gekommen bin, hat mit einer Reihung an Zufällen zu tun. Ihnen verdanke ich, dass ich jetzt – ein paar Kontaktsperren später – noch Geld verdiene, während fast alle anderen Projekte verschoben sind. Auf später. Nach der Krise. Bereits zwei Wochen, nachdem Schulen, Restaurants, Cafés, Läden schließen mussten, bin ich mir auf dem Weg zur Arbeit nicht mehr sicher, wie die Straße zuvor aussah. Standen Kinder mit Ranzen an den Haltestellen oder Menschen mit Einkauftüten oder war einfach nur die Autoschlange an der Ampel länger? In der Tasche trage ich ein Papier, auf dem steht, dass ich als Therapeutin unabkömmlich bin. Das Etikett „unabkömmlich“ verschafft mir einen zusätzlichen zwingenden Grund, die Wohnung verlassen zu dürfen. „Jahrzehnte wird das dauern“, wiederholt die Frau und ein anderer Patient nickt. „Oder länger.“ Ihr Pappelefant hat inzwischen blaue Füße bekommen. Es ist nicht das Virus, das die Patienten fürchten, es ist die Wirtschaftskrise. Die Stichworte heißen: Abschwung, Insolvenz, Kurzarbeit Null. In der Ergotherapie zwischen den Pappelefanten, Specksteinen, Pastellkreiden, Acrylfarben kennt jeder wen, der betroffen ist. Ich fürchte mich auch. In einer Zeitung lese ich einen Artikel. Es geht um die Welt nach Corona. Die Welt, wie wir sie kennen, werde sich auflösen, eine neue füge sich bereits zusammen, sagt Matthias Horx, der sich als Visionär bezeichnet. Er skizziert eine Nach-Corona-Welt, in der gute Nachbarn und ein Gemüsegarten wichtiger seien als Besitz, die regionale Produktion den globalen Welthandel herunterdampfe, das Handwerk einen neuen Boom erlebe. Da sind sie wieder, Helmut Kohls blühende Landschaften, denke ich. Der visionäre Mensch spricht von neuen Möglichkeitsräumen. Am Ende eines langen Corona-Tages liest es sich wie eine schöne Gute-Nacht-Geschichte für Erwachsene. Die Menschen im Möglichkeitsraum der psychosomatischen Klinik wollen auch eine Chance in ihrer Krise sehen, wieder zurückfinden ins Leben, vielleicht etwas Neues beginnen. Besser gelingt das ohne Virus, ohne Kurzarbeit Null, ohne Kontaktsperren, eher noch mit einem blauen Elefanten aus Pappe. Elefanten, so heißt es, hören mit den Füßen. Sie haben ein Sensorium für Töne, die aus der Tiefe kommen. Ihre Unruhe warnt vor dem Tsunami, bevor die Erde bebt. Wenn der Elefant rennt, sollst du auch rennen. – „Jahrzehnte wird das dauern. Oder länger.“ Der Ton dieses Satzes kommt auch aus einer Tiefe, aus einer biographischen Tiefe.
    Damals vor dreißig Jahren, im Nachrevolutionsjahr 1990, wurde die Treuhandanstalt gegründet. Sie hatte die Aufgabe, die volkseigenen DDR-Betriebe zu privatisieren. Als die Privatisierer vier Jahre später ihre Bilanzen vorlegten, waren im Osten der Republik 2,5 Millionen Arbeitsplätze weg, abgewickelt. Glück hatte, wen es nicht traf, aber jeder kannte wen. Der kürzeste Ossiwitz damals: Treffen sich zwei Ossis auf Arbeit. Hinter dem Witz lauerte die Angst, und die Angst war nie ganz verschwunden. In Sätzen wie „Jahrzehnte wird das dauern“ kehrt sie nun wieder. Gegen die Angst empfiehlt der Visionär den richtigen Future Mind, eine Vision, die uns aus der blühenden Landschaft der Zukunft auf die Pandemie, die Kontaktsperren, die Kurzarbeit Null schauen lässt. Er verspricht, es verschwinde die Angst und nach der Angst komme der Tatendrang. Das klingt gut. Tatendrang werden wir brauchen, denn die blühende Landschaft, eine Ökonomie, die Ressourcen schont und Gemeinwohl mehrt, braucht zu allererst politische Mehrheiten (und keine Viruspandemie, da irrt der Visionär). Unabkömmlich ist außerdem ein Elefant mit seinem feinen Sensorium für die tiefen Töne, vielleicht ist er ja blau und aus Pappe, und von mir aus hin und wieder eine schöne Gute-Nacht-Geschichte. Kann ja nicht schaden.

    Alle Autor*innen

    Buch von Tina Pruschmann

    Coverabbildung von "Lostage"

    Tina Pruschmann - Lostage

    Es gibt Momente, die fühlen sich ganz alltäglich an, und doch entscheiden sie über ein ganzes Leben. An einem heißen Tag im August feiert Elena ihren 88. Geburtstag: Die Töchter Martina und Renate sind da, der Enkel Daniel und seine Freundin Sasha. Es ist ein verschwenderisches Fest mit Honigschnaps, Polka und viel Heiterkeit. Und doch kann Elena nur an Martinas Kindheitsfreundin Rike denken, die vor über 50 Jahren hier im Garten vom Kirschbaum in den Tod gestürzt ist. Sinnlich und intensiv verknüpft Tina Pruschmanns Debütroman Lebensfäden und Schicksale und erzählt von diesen besonderen Momenten, von den Lostagen im Leben: Tage, an denen Zukunft möglich oder unmöglich wird, Tage der beiläufigen Begegnungen und unwiderruflichen Entscheidungen, Tage, an denen die Zeit und mit ihr alle Wünsche stillstehen sollten.