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- CHRONIK EINES AUSNAHMEZUSTANDS

Residenz-Autor*innen bloggen – Tag für Tag neu. #alleswirdgut

    27. März 2020

    Yara Lee, Wien


    Sankt Corona und die Chancen

    Auch die katholische Kirche hat eine Corona zu bieten. Sie wurde um 160 in Syrien (oder Ägypten), jedenfalls im Nahen Osten, geboren. Sie ist eine Heilige. Sie ist sogar die Patronin gegen Seuchen. Sie ist der Legende nach in einer Christenverfolgung im 2. Jahrhundert für einen Soldaten eingetreten und hat ihm beigestanden, als dieser sich zum christlichen Glauben bekannte und gemartert wurde. So ist sie selbst auch in die Maschinerie der Verfolgung geraten und wurde grausam ermordet.
    Wieder andere wollen nicht alles so negativ sehen. Ich kann das auch verstehen. Sie versuchen die positiven Aspekte der »Krise« herauszuarbeiten, wie zum Beispiel, dass man viel bewusster Selbstfürsorge und Nächstenliebe praktizieren könne: Man würde viel mehr auf sich und seinen Körper achten, häufiger Händewaschen, weil ja die Seife die Hülle des Virus zerstört. Man achte besser auf das Immunsystem, ernähre sich gesünder, stärke sich bewusst an der frischen Luft. Man könne außerdem lernen, über Ängste hinauszuwachsen, indem man sich bewusst die Frage stellt: Welche Angst löst das Virus in mir aus? Die Angst vor dem Tod? Die Angst vor dem Verhungern? Die Angst vor der Unfreiheit? Kontrollverlust? Machtverlust?« - so zumindest stand es im Blog „Love in Action“ zu lesen...
    Man würde sich auch viel mehr auf das Wesentliche besinnen, endlich aus der Hektik des Alltags aussteigen, aus dem Hamsterrad, dem ewigen Streben nach mehr. Viele Tätigkeiten seien durch die Pandemie obsolet geworden oder erschienen nun nichtig. Voller Fokus auf das Hier und Jetzt. Keine Ablenkungen mehr. Und: Mutter Erde dürfe endlich verschnaufen. Weniger Reisen, weniger Flüge bedeuteten weniger CO2-Emissionen. Weniger Industrie und weniger Wirtschaftsleistung bedeuteten auch weniger Feinstaubbelastung. Corona könne uns nach all dem Leid mehr Lebensqualität schenken: Denn Verbundenheit und erfahrene Sinnhaftigkeit machten glücklicher, als dem Geld hinterherzujagen und für Konsumgüter zu schuften. Ist das so? Ich hoffe es! Und dabei bin ich überhaupt nicht dafür, alles immer schön zu reden. Aber ich finde, es liegt auf der Hand: Wir hätten die Chance, die alte, gewohnte Welt hinter uns zu lassen und neue Wege einzuschlagen, die »das Leben fördern, anstatt es zu boykottieren«. Corona sei eine Chance für »neue, glücklichere Formen des Lebens und des Seins« ... für die Menschen, die Tiere und für Mutter Erde.

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    24. März 2020

    Yara Lee, Wien

     

    Corona oder Coronata

    Seit das Virus in »Ach« angekommen ist, sollen wir unsere Wohnungen nur dann verlassen, wenn es absolut notwendig ist. Aber absolut notwendig ist es fast nie. Manchmal bekomme ich mit, dass ein Rettungswagen mit Blaulicht vorbeifährt. Es ist irgendwie unheimlich, aber ich versuche, es mir gemütlich zu machen. Es sind Vormittage voll von Präludien, durchbrochen nur vom täglichen Lärm der Autowerkstatt nebenan, in der man scheinbar noch arbeiten darf. Ich gehe nur etwa alle zwei Tage hinaus, um zu spazieren und einzukaufen. Da es sonst wenig zu tun gibt, schaue ich oft verträumt aus dem Fenster auf die fast menschenleere Hauptstraße und stelle mir vor, die Straße führe, gekleidet in ihr bleistiftfarbenes Georgette, direkt bis ans Meer bis hin zu Mrs. Maquaire's Chair ... Heute sitze ich vor einer Vogelsinfonie, unvollendet. Ich habe sie eigentlich schon vor Jahren aufgegeben. Ich lausche Abschiedsworten nach, durch die das Echo rauschender Flugbahnen kreist. Das Fenster ist voll von Baumkronen. Das muntere Gezwitscher der Vögel wird im Zimmer zum duftenden Wald. Ich gehe barfuss durch diesen Wald. Ich wünschte, es wäre mir möglich, ohne Vorbelastung durch Wissenschaft oder durch zu Versen gezähmtes poetisches Material dem Menuett aus Vogelstimmen zu lauschen, egal in welcher Form, ob viertaktig auf- oder abwärts in kleinen oder großen Sekunden, in kleiner Reprisenform oder auch nicht in Reprisenform. Vielleicht ist es gar kein Menuett, sondern eine berauschende Pastorale. Es sind Vormittage voll von Präludien, aber auch voll von namentlicher Distanz, die plötzlich prickelt wie eine Pause zwischen dir und mir. Fast jedes Geräusch hat die Eigenschaft, früher oder später zu verschwinden. Dann geht das Schweigen wieder allem voraus. Es geht mit erhobenen Händen und ohne Geschlecht. Im Spiegel lässt sich seine Haltung beobachten. Es lässt sich als Beobachtung festhalten - : Das Wetter ist schön. Es tropft kein Wasser, es tropfen nur Träume aus Höhen auf Erden. Es tropfen Erinnerungen. Es tropft die Unaussprechlichkeit. Sie tropft auf ein Feld voll von Vormittagen, ein Feld voll von Präludien. Ein Feld voll von Behauptungen, die sich verhärten - : die Tage sind frühlingshaft, aber kühl wie die Ansicht asiatischer Handelsgesellschaften. Das Licht ist light. Ein wildes Krokodil wohnt in meiner Brust. Ich habe Angst, das Virus in mir zu tragen, ohne davon zu wissen. Wo zieht es hin? Ich weiß es nicht, aber man gewöhnt sich an alles, auch an die Ungewissheit - : nur halt nicht gut. Man sagt, am Ende würde alles gut. Doch bis ans Ende muss man erstmal kommen. Ganz ehrlich - : ich denke mir, vielleicht nimmt sich die Natur, was sie von uns Menschen braucht - : eine Pause. »Corona«, oder »Coronata«, wird von den Italienern[1] dieses Zeichen   genannt, welches, wenn es über gewissen Noten in allen Stimmen zugleich vorkommt, ein allgemeines Stillschweigen, oder eine »Pausam generalem« bedeutet; wenn es aber über einer finalen Note in einer Stimme allein steht, so zeigt es an, dass sie so lange aushalten soll, bis die übrigen Stimmen auch zu ihrem natürlichen Schluß nachkommen; die Franzosen nennen es »Point d'Orgue«. Man braucht es auch in den »Canonibus«, um den Ort zu bezeichnen, wo alle Stimmen innehalten können, wenn geschlossen werden soll.
    Ich habe gelesen, dass anderswo wilde Tiere zum Teil die Städte und Dörfer erobern, da durch die rigorosen Ausgangsbeschränkungen die Straßen menschenleer sind. Delfine kommen bis in die Häfen der Städte. Es gibt auch Berichte, dass das Wasser sauberer sei als zuvor. Durch das plötzliche Ausbleiben von Verkehr und Verschmutzung des Wassers sei dieses nun klar, und man sehe auch wieder die Fische. Nun zeigt das Virus der Menschheit vielleicht, dass sie nicht die über alles erhabene »Krone« der Schöpfung ist. Wenn du mich fragst - : die Menschheit sollte sich in Demut üben, so lange sie noch die Möglichkeit dazu hat ...

    [1]Johann Gottfried Walther: Musicalisches Lexicon, 1732, S. 186

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    Buch von Yara Lee

    Coverabbildung von "Als ob man sich auf hoher See befände"

    Yara Lee - Als ob man sich auf hoher See befände

    Marla und James sind jung, sie verlieben, verlieren und begegnen sich wieder. Ihr Glück scheint keine Grenzen zu kennen, bis James Marla auf seine meeresbiologische Forschungsreise nach Mexiko mitnimmt. Dort werden sie in eine böse Intrige verwickelt – und straucheln unter der Last der Missverständnisse und Feindseligkeiten. Auch Ulysses ist das Kind einer längst vergangenen Liebe, vor allem aber ist er Marlas Vater, der sie als Kind verlassen hat und der in einer melancholischen Stimmung beschließt zu sterben. Zunächst aber gilt es, den geeigneten Ort dafür zu finden – oder soll er doch eher die verlorene Tochter suchen? Yara Lees Debüt erzählt spielerisch leicht von Liebe und Verlust und davon, dass Suchen und Finden nicht immer etwas miteinander zu tun haben.