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Highlights

- CHRONIK EINES AUSNAHMEZUSTANDS

Residenz-Autor*innen bloggen – Tag für Tag neu. #alleswirdgut

    3. April 2020

    Gunther Neumann, Wien


    Die Länder Europas fallen in eine Art Winterschlaf im Frühling. Als wäre der Shutdown so märchenhaft. Auch sonntägliche Stimmung will bei mir nicht wirklich aufkommen. Durchhalteparolen, ja, manchmal Kriegsrhetoriken, überdecken rasch unser Nachdenken über Freiheit versus Gesundheit, ähnlich wie zuvor das Abwägen von Freiheit versus Sicherheit - und damit Überwachung. Dabei ist im Moment nur eines sicher: Unsicherheit, und das wohl noch länger. Unsere Sehnsucht nach etwas Verlässlichem wird nicht gestillt. Wir vertrauen – noch – Expertinnen und demokratisch gewählten Entscheidungsträgern. Es geht nicht um ein Maximum, sondern um ein Optimum. Aber was ist das konkret? Allumfassende Kontrolle? Monate ohne Schule, ohne Kindergarten?
    Nicht alles wird gut. Vieles wird anders. Die große Läuterung wird es wohl ebenso wenig sein wie der Untergang der Demokratie. Alles dazwischen ist Spekulation. Oder ein notwendiger, lebendiger Diskurs.

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    30. März 2020

    Gunther Neumann, Wien


    Mein Blick streift - für kaum mehr ist mit den Kindern zu Hause derzeit Muße - den Feuilletonteil der Zeitungen: Gegenwarts- und Zukunftsdeuter haben Saison. Apokalyptische Prophezeiungen sind im Moment in der Minderzahl. Das erstaunt mich fast. Corona werden wir irgendwann halbwegs überstehen. Was kommt danach? Neue Bakterien, Viren, Seuchen? Kriege um Ressourcen? Eine kaum zu bewältigende Finanzkrise? Der befürchtete Klima-Kollaps? In unserer Suche nach Schuldigen werden wir bei uns selbst fündig: Wir werden für unsere grenzen-lose Maßlosigkeit gestraft. Das erscheint mir wie eine andere Art von Selbstüberschätzung in unserem globalen, überheizten Norden - wir sind an allen Übeln dieser Welt schuldig. Unsere eurozentristische Hybris ist bemerkenswert, selbst als Vexierbild: Auch in scheinbarer Verwerflichkeit fühlen wir uns noch herausragend.
    Zwei Tage Frühling, Zuversicht, dann wieder Kühle. Negative Gedanken schleichen sich ein. Pandemie und Panik liegen im Wörterbuch nahe beieinander. Noch knapp davor rangiert Pan. Sein gekrümmter Hirtenstab symbolisiert die Natur der Dinge, ihren Kreislauf, die Wiederkehr der Jahreszeiten. Mit seiner Flöte vermittelt er Freude, an Musik und Fröhlichkeit. Seit 2012 hat die UNO den 20. März, meist Frühlingsbeginn auf der Nordhalbkugel, zum „Welttag des Glücks“ erklärt. Besonders das heurige Motto „Happiness for all, forever“ klingt wie ein - von abgehobenen Bürokraten ersonnener - Hohn. Dennoch, auf einem bescheidenen Niveau in diesem wechselhaften Frühling: das Lächeln einer hart arbeitenden Supermarkt-Kassiererin, die Freude unserer Kinder – auch ein Virus des Optimismus kann ansteckend sein. Den werden wir brauchen.

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    28. März 2020

    Gunther Neumann, Wien


    Österreicherinnen werden heimgeholt. Syrien und Somalia dagegen wirken wieder ganz weit weg, zumindest jenseits unserer Wahrnehmung. Aber das Bedrohliche scheint herangerückt. Wir sind auf uns konzentriert, schwanken etwas zweifelnd zwischen Sicherheit und Freiheit, zwischen aufgezwungener Privatheit und einer sehr eingeschränkten Öffentlichkeit, gar Offenheit. Edward Hoppers Bilder werden allenthalben beschworen. Ein Gefühl der Fremdheit liegt über unserer eigenen, scheinbar menschenarmen Stadt. Wenige Passanten kommen mir entgegen, manche wechseln die Straßenseite, andere wenden sich ab oder ducken sich weg, wenige schauen argwöhnisch, als sei ich die unbekannte Bedrohung. Wieder andere lächeln, scheu oder verschwörerisch. Wir Menschen werden in der Krise nicht wirklich anders. Vielleicht verstärken sich ein paar Eigenschaften in uns, schlechte wie gute: Ur-Ängste, ein instinktiver(?) Egoismus, die banale Neigung zum Horten, wie auch zu Verschwörungstheorien, die insgeheime Suche nach vermeintlichen Brunnenvergiftern. Aber auch Freundlichkeit, Solidarität, Selbstlosigkeit. Angst kommt von Enge. Sind wir permanent auf der Hut vor dem Fremden, Bösen? Oder bleiben wir offen, neugierig? Hilfs-bereit?

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    25. März 2020

    Gunther Neumann, Wien

     

    Ein kalter Grauschleier hat sich über den Frühling von letzter Woche gelegt, über das Gelb der Forsythien, über das Rosa der Magnolien, der Mandel- und Kirschblüten. Tschernobyl – wir erinnern uns wieder – geschah im Frühling. Die Bedrohung war unsichtbar, aber in uns spürbar. Spielen im Freien war nicht angesagt. Die Geschichte wiederholt sich nicht, höchstens als Echo in uns. Unsere Vorstellungskraft speist sich aus unseren Erfahrungen und Erinnerungen, und den schwer erklärbaren Anteilen - Liebe, Ängste, manchmal Hilflosigkeit. Mythen durchziehen die Geschichte der Menschheit seit Anbeginn. Das Unbeeinflussbare sollte gebannt, Geiseln und Plagen der Menschheit zumindest erklärbar werden. Corona ist nicht die Pest. Im besten Fall - wenn wir nicht mit Ökonomisch-Existentiellem beschäftigt sind - gibt es uns die Chance zum Innehalten, zum Nachdenken über unsere gelegentliche Hybris, unsere Anmaßung: Wir Menschen des 21. Jahrhunderts seien gefeit vor den epischen Widrigkeiten des Lebens, zumindest wir, die im selbst so wahrgenommen „hohen“ Norden leben und in den „tiefen“ Süden hinunterblicken. Die Fortschritte der Wissenschaft sind ein Segen, denke ich dieser Tage. Unser Leben dagegen ist und bleibt ein Zyklus. Der Frühling kommt zurück, dann auch Ostern. Vielleicht können wir danach wieder alle unbeschwerter hinaus, nicht nur die Ein-klein-bisschen-Gleicheren unter uns, mit dem eigenen Garten voll Tulpen und Pfingstrosen. Nicht alles lässt sich virtuell erledigen.

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    22. März 2020

    Gunther Neumann, Wien

     

    Ausgangsbeschränkung. „Think global, act local,“ lautete der eingängige Spruch. Jetzt ist Abend. Wir sind erschöpft, von den Tagen mit den etwas verunsicherten Kindern, im Home Office, von der Bewältigung des Rest-Alltags. Kaum ein Gedanke über den eigenen Tellerrand, über die plötzlich geschlossenen Grenzen. Oder doch: Was wird aus unserer bislang scheinbar heilen Welt - die beim Blick hinaus, bei der Arbeit im globalen Süden natürlich nie heil war.
    Kommt jetzt, im Bedürfnis nach Keim- und Virenfreiheit, das Ende der Globalisierung? Kommt „nach Corona“ statt des gescholtenen Neo-Liberalismus der Neo-Nationalismus? Ein erschreckendes Szenario: der Kampf Abgeschotteter gegen alle anderen Abgeschotteten; Impfstoffe, Medikamente, Schutzkleidung nur mehr für die „eigenen Leute“. Abschottung führt zu einer Abwärtsspirale, unvermeidliche Wirtschaftskrisen erhöhen die Sterblichkeit unter den ärmeren Menschen und Ländern – und die gehen nicht in die Tausende, sondern rasch in die Hunderttausende. Autorinnen mögen zu literarischen Dystopien angeregt sein. Doch nicht Pessimismus ist angesagt, auch keine Grenzschließungen, sondern „factfulness“, lokale Achtsamkeit, und globale Zusammenarbeit bei der Entwicklung neuer Impfstoffe, Netzwerke, Gedanken. Die offene Gesellschaft ist (heraus)gefordert.

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    21. März 2020

    Gunther Neumann, Wien

     

    Auch ein egoistischer Gedanke eines Autors sei dieser Tage erlaubt: der an den eigenen Roman. Gerade erschienen, sehr ungewollt ganz zeitgerecht zum Beginn der laufenden Krise. Er sollte in Leipzig vorgestellt werden. Die Buchmesse ist abgesagt. Präsentationen in Österreich? Bis auf Weiteres: abgesagt. Auch das Feuilleton konzentriert sich – trotz etlicher erfreulicher Rückmeldungen - nun auf „die Krise“, auf die psychologischen, soziologischen, kulturellen Auswirkungen. Also ausweichen „ins Netz“? Nicht so einfach, wenn der Autor / die Autorin sich nicht so gerne selbst vermarktet. Und wenn „die Krise“ vorbei ist, kommen die nächsten Neuerscheinungen. Vielleicht sind ein paar neue dystopische Romane dabei – die haben dann sicher Konjunktur. Für das eigene Buch: Pech gehabt. Doch lamentieren hilft nichts. Unzählige Menschen bangen unmittelbarer um ihre Existenz, die in unserem noch immer halbwegs sicheren Europa zumindest abgefedert werden kann. In anderen, durch die eigene Arbeit vertrauten Weltgegenden haben die Menschen kein funktionierendes Netz, oft nicht einmal zum Fischen.

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    20. März 2020

    Gunther Neumann, Wien

     

    Entschleunigung ist angesagt, ein schönes Wort, Leben im Standby-Modus, maximal Home Office? Anglizismen. In der Frühlingssonne in der Hängematte liegen, ein gutes Buch einer geschätzten Verlagskollegin in den Händen, am Tablet zwischendurch das Wichtigste erledigen, sich ab und zu den Bauch kratzen? Wie schön, der Gedanke … mit zwei Kindern im lebhaftesten Kindergartenalter. Als Vater begrüße ich die Schließung von Schulen und Kindergärten bis Ostern ausdrücklich – dennoch, wie soll Home office mit Kindern gelingen? Von aufkommendem Lagerkoller bei und mit Kindern zu schreiben, ist beim Gedanken an Moria, Dadaab oder Zaatari frivol. Aber dennoch – die Kinder wollen raus. Auch ohne Spielgefährten, und trotz geschlossener Spielplätze. Ein sonniger Tag - also zum nahe gelegenen Wiener Augarten - schön Abstand halten! Dort stehen wir vor verschlossenen Toren. „Warum?“, fragen die Kinder, „warum?“ Ja, weshalb eigentlich? Spazierengehen ist doch noch erlaubt. Ist die Virusdichte im riesigen Augarten höher als auf der Straße oder an der Supermarkt-Kassa? Vor dem Parkeingang an der Mauer sitzen vereinzelte Paare in der Frühlingssonne, manche lesen, ein Vater spielt mit seiner Tochter Federball, weit weg von den anderen. Bis ein Polizeiwagen anrollt, mit vier Beamt(inn)en voll besetzt. Per Megafon werden alle Sitzenden und die Federball-Spieler aufgefordert, wegzugehen. Ich wage zu fragen, „warum?“ Die Antwort der Uniformierten aus dem Wagen: „Spazierengehen ist erlaubt, sonst nichts“. Also kein Federball, kein Sitzen. Stehenbleiben auch nicht. Abstand. Verstand? Das Leben geht weiter.

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    19. März 2020

    Gunther Neumann, Wien

     

    Ein Blick in die Schlagzeilen, in der Verdichtung unseres Zeitgefühls: Amazon will 100 000 zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Good news? Arbeitsplätze? Schöne neue Welt. Was bedeutet das für den stationären Handel, die Buchhändler(innen) „ums Eck“, für deren Arbeit, deren Existenz, für unsere unmittelbare Lebenswelt? Auch da ist Solidarität angesagt – Bestellung bei den Buchhändlerinnen, soweit wie möglich: viele nehmen Bestellungen entgegen, versenden rasch, versuchen, ökonomisch zu überleben. Wann brauchen wir selbst Hilfe? Nicht erst im globalen Shutdown, der uns in Atem hält oder ihn uns nimmt. Vielleicht stärkt eine Krise das Bewusstsein und Gefühl, dass wir aufeinander angewiesen sind. Abstand sei mit Corona die zeitgemäße Form der Zuwendung. Die WHO dagegen hatte schon vor längerer Zeit 2020 zum „Year of the Nurse“ ausgerufen. „Care-Arbeit“, oft am Limit, meist un(ter)bezahlte Frauenarbeit, in Krankenhäusern, Altenheimen, Kindergärten, in den Familien. Banken sind „systemrelevant“. Der „Rest“ nicht?

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    Buch von Gunther Neumann

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    Gunther Neumann - Über allem und nichts

    Immer schon war Clara fasziniert vom Fliegen. Oder doch nur auf der Flucht? Nun scheint ihr Ziel erreicht: Als Pilotin einer Billig-Airline behauptet sie sich in einer rücksichtslosen Männerwelt, zwischen Bangkok und Berlin, Colombo und Cancun, Mombasa und Madrid hat sie sich den Himmel erobert. Sie vermag eine Boeing 777 durch die heftigsten Turbulenzen zu steuern, doch ihr eigenes Leben entgleitet ihr zusehends. Zerrissen zwischen zwei Männern, heimgesucht von Erinnerungen an frühen Missbrauch, bewegt sie sich rastlos durch anonyme Flughäfen und fremde Metropolen. Erst ein Rückzug auf die tropische, vom Bürgerkrieg verwundete Insel Sri Lanka ermöglicht ihr, sich den Geistern der Vergangenheit zu stellen.