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- Chronik eines Ausnahmezustands

Residenz-Autor*innen bloggen – Tag für Tag neu. #alleswirdgut

    16. April 2020

    Jad Turjman, Mattsee


    Büchervernichtung

    In diesen Zeiten wird über die Gefahr eines Virus als das ultimative Böse geredet. Ich möchte jedoch über die Gefahr reden, die ein Mensch hervorrufen kann, und welche unfassbaren Taten er anrichten kann. Ich möchte über unsere Schattenseiten sprechen. Eine davon ist Büchervernichtung.
    Am 10. Februar 1258 haben die Mongolen, geführt von Hülegü, Bagdad in Schutt und Asche gelegt. Dabei zerstörten sie das Haus der Weisheit: die größte Bibliothek und das Haus des Wissens auf Erden damals. Sie warfen unzählige wertvolle Bücher und historische Dokumente über Themen von Medizin bis Astronomie in den Fluss Tigris. Überlebende sagten, dass das Wasser des Tigris von der Tinte schwarz war.
    Am 10. Mai 1933 inszenierte die Deutsche Studentenschaft eine Aktion, um Bücher in Berlin zu verbrennen.
    Bücher von:
    Ernest Hemingway
    James Joyce
    Karl Marx
    Franz Kafka
    Victor Hugo
    Heinrich Mann
    Und vielen anderen, weil diese Bücher nicht germanisch waren.
    Der Propagandaminister in Hitlers Regierung sagte den StudentInnen: „Darüber sind wir geistigen Menschen uns klar: Machtpolitische Revolutionen müssen geistig vorbereitet werden. An ihrem Anfang steht die Idee, und erst wenn die Idee sich mit der Macht vermählt, dann wird daraus das historische Wunder der Umwälzung emporsteigen.“
    In seinem dystopischen Roman „451 Fahrenheit“ schrieb Ray Bradbury über eine fantasierte zukünftige Gesellschaft in den USA, in der Bücher verboten sind. Der Grund dafür ist der simple, dass Bücher in Wiederspruch zum allgemeinen Wunsch des „Glücklichseins“ stehen, und sie für Spaltung und kritische Stimmung sorgen. In dieser Gesellschaft ist die Aufgabe der Feuerwehr Bücher zu verbrennen.
    Der Hauptprotagonist Guy Montag erlebt jedenfalls beim Erledigen seiner Aufgabe etwas Seltsames. Er sieht eine Frau, die sich mit ihren Büchern ins Feuer wirft. Er versteht ihr Verhalten nicht und versucht herauszufinden, warum sie das macht.
    Er hebt heimlich eins dieser Bücher auf und liest es später.
    Am Ende dieses Romans schließt sich Montag einer Gruppe an, die sich zur Aufgabe macht, sich dieses Erbe an Wissen im Kopf anzueignen, weil das Gedächtnis fern der Gräueltaten bleibt.
    Weil Massaker an Büchern zu Massakern an Menschen führen.
    Und das führt mich zu der Erkenntnis, die ich mit den Worten von Heinrich Heine konkretisieren möchte: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen."
    Und leider ist das nicht nur im Roman der Fall. Das ist eine Realität, die sich immer wieder wiederholt. Nicht nur in der weit entfernten Vergangenheit oder in Nazideutschland. Das ist in China dasselbe. Oder in der Geschichte des Orientalischen Instituts in Sarajevo.
    Sarajevo war eine Ikone der Toleranz. Eine Stadt, in der Muslime, Christen und Juden in Harmonie lebten. Am 18. Mai 1992 wurde das Orientalische Institut von serbischen Streitkräften in der belagerten Stadt Sarajevo bombardiert. Es wurden 5263 gebundene Manuskripte in arabischer, persischer, türkischer, hebräischer und lokaler Arecica (bosnisch in arabischer Schrift) Sprache sowie Zehntausende von Dokumenten aus der osmanischen Zeit zerstört.
    Der britische Journalist Robert Fisk sagte: „Sie bringen die Verstorbenen um und die Lebenden.“
    Das Traurigste an diesem Ereignis ist, dass sogar AkademikerInnen es unterstützt haben, wie der Psychiater Jovan Raskovic, der Gründer der Serbischen Demokratischen Partei.  Er behauptete, dass Muslime und Kroaten geistig gestört seien. Und Professor Nikola Koljevic, der tausende muslimische StudentInnen 28 Jahre lang an der Universität von Sarajevo unterrichtet hat. Und Dr. Biljana Plavsic, die ethnische Säuberungen anordnete. Sie bezeichnete Muslime „als genetischen Irrtum im serbischen Körper“.
    Mein Opa erzählte mir mal, dass er selbst, als die Al Baath-Partei Hausdurchsuchungen machte, Bücher verbrennen musste, weil sie andere Meinungen vertraten als die des Regimes. Und das tut mir am allermeisten weh. Wenn Menschen gezwungen werden, selbst ihre Bücher zu vernichten.
    Bücher tragen das ganze Wissen und die Geschichte der Menschheit, aber ihre Körper sind fragil und können gegen die Gewalt der Menschen nicht überleben.
    Ich habe diesen Betrag geschrieben, weil ich Bücher liebe.
    Weil die Zerstörung einer Kultur jeden Menschen auf der Welt etwas angeht.
    Bücher sind offene Fenster auf die Welt.
    Ein Buch ist ein Freund, Protokollführer und Zauberer.

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    19. März 2020

    Jad Turjman, Mattsee

     

    Die aktuelle Stimmung rund um die Eindämmung des Coronavirus ist mir keineswegs fremd. Als 2011 der Krieg in Syrien ausbrach, wurden alle Menschen besorgt und gestresst. Der gewöhnliche Alltag veränderte sich drastisch. Wir mussten auf Dinge verzichten. Es war ein ernüchternder Moment, festzustellen, dass vieles, was wir hatten, nicht mehr selbstverständlich ist. Menschen begannen, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie den Krieg überleben könnten. Natürlich konnte man nicht einkaufen gehen, und dabei ein Gefühl von Sicherheit haben.
    Auch wenn es in Syrien damals um etwas anderes ging als heute, sehe ich jetzt viele Parallelen und kann behaupten, dass es eine lehrreiche Situation und große Lektion ist. Es steckt in dieser Krise ein großes Potenzial. Einmal innezuhalten und über uns und unseren Lebensstil nachzudenken. Das gilt besonders für diejenigen, die bislang kein Verständnis für Geflüchtete aufbringen konnten und jetzt ihre Speisekammer mit Klopapier und unnötigen Dingen für ein Jahr vollgestopft haben.

    Urteile bitte nicht mehr über andere

    Jetzt können wir vielleicht mehr Verständnis für Menschen haben, die vor Krieg, Verfolgung und Armut fliehen. Und auch nachvollziehen, dass dieser Überlebensinstinkt dazu führen kann, dass man bereit ist, mit dem Schlauchboot das Mittelmeer zu überqueren.
    Diese Situation zeigt uns auch die Gefahr einer Doppelmoral in der Politik: Wenn die Gefahr uns selbst betrifft, dann können wir Schulen schließen, Systeme herunterfahren und unseren Alltag stoppen. Aber wenn Menschen an unseren Grenzen ertrinken, erfrieren und menschenunwürdig behandelt werden, dann können wir sie ihrem Schicksal überlassen und wegschauen. Vielleicht bleibt von Corona eine Lektion gegen jede Überheblichkeit, wenn alles vorbei ist... Ich sehe in dieser Krise insofern auch eine Lektion, weil sie alle betrifft und uns auf schräge Art und Weise eint. Länder die sich gestern bekriegt haben, sitzen heute im gleichen Boot. Politiker, die gestern noch hässlich miteinander umgegangen sind, arbeiten jetzt zusammen.
    Dieses Virus will uns auch etwas über Rassismus lehren. Es ist nicht rassistisch. Dem Virus ist deine Hautfarbe und Religion egal. Es macht keinen Unterschied zwischen Muslim und Christ, schwarz oder weiß, links oder rechts.

    Am Ende mehr Zusammenhalt

    Irgendwann wird alles vorbei sein und wir werden unseren gewöhnlichen Alltag wiederhaben. Aber ich hoffe, dass wir dann mehr Zusammenhalt und Solidarität zeigen werden. Und nicht nur mit einander, sondern auch unserer Erde gegenüber! Es gibt bereits eine Solidaritätswelle, Menschen helfen sich gegenseitig, achten aufeinander, machen sich Mut. Über die sozialen Medien geben Menschen Konzerte, Lesungen, wird Nachbarschaftshilfe organisiert. Ich habe live auf Facebook von Zuhause aus ein Kabarett gemacht und mit meinen Facebook-FreundInnen viel gelacht.
    Meine Hoffnung ist groß, dass wir uns dann auch jenen Menschen gegenüber solidarisch verhalten werden, die schon seit Jahren um Hilfe bitten: Menschen in Not, egal woher sie kommen. Krisen und harte Schicksalsschläge führen dazu, dass man größer denkt als in seinen gewöhnlichen Kreisen!

    Und Apropos Klopapier. Von Klopapier war in Syrien sowieso nicht die Rede. Wir haben keins. In Syrien gibt neben jeder Toilette ein Wasserschlauch. Und Leute, glaubt mir:  Es ist viel sauberer.

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    Buch von Jad Turjman

    Coverabbildung von "Wenn der Jasmin auswandert"

    Jad Turjman Karim El-Gawhary (Vorwort) - Wenn der Jasmin auswandert

    Die Geschichte meiner Flucht

    Es gibt eine Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach einem Gefühl, nach der Heimatstadt Damaskus, nach dem Geruch von Jasmin. Jad Turjman ist ein junger Syrer, der sein Leben, bevor der Krieg ausbrach, in vollen Zügen genoss. Als der Einberufungsbefehl kommt, steht die Entscheidung schnell fest: die Flucht nach Europa ist die einzige Möglichkeit, um dem sicheren Tod zu entrinnen. Dieser Weg ist abenteuerlich und mühsam, jedoch begegnen ihm fünf „Schutzengel“. Schließlich kommt Turjman an einem Ort an, den er nicht gesucht hat, an dem er jedoch den Jasmin neu pflanzen kann. Jad Turjman hat seine Fluchtgeschichte in einer beispiellosen Intensität beschrieben, mit Humor setzt er uns einem Wechselbad der Gefühle aus. Atemberaubend.