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- Chronik eines Ausnahmezustands

Residenz-Autor*innen bloggen – Tag für Tag neu. #alleswirdgut

    19. März 2020

    Jad Turjman, Mattsee

     

    Die aktuelle Stimmung rund um die Eindämmung des Coronavirus ist mir keineswegs fremd. Als 2011 der Krieg in Syrien ausbrach, wurden alle Menschen besorgt und gestresst. Der gewöhnliche Alltag veränderte sich drastisch. Wir mussten auf Dinge verzichten. Es war ein ernüchternder Moment, festzustellen, dass vieles, was wir hatten, nicht mehr selbstverständlich ist. Menschen begannen, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie den Krieg überleben könnten. Natürlich konnte man nicht einkaufen gehen, und dabei ein Gefühl von Sicherheit haben.
    Auch wenn es in Syrien damals um etwas anderes ging als heute, sehe ich jetzt viele Parallelen und kann behaupten, dass es eine lehrreiche Situation und große Lektion ist. Es steckt in dieser Krise ein großes Potenzial. Einmal innezuhalten und über uns und unseren Lebensstil nachzudenken. Das gilt besonders für diejenigen, die bislang kein Verständnis für Geflüchtete aufbringen konnten und jetzt ihre Speisekammer mit Klopapier und unnötigen Dingen für ein Jahr vollgestopft haben.

    Urteile bitte nicht mehr über andere

    Jetzt können wir vielleicht mehr Verständnis für Menschen haben, die vor Krieg, Verfolgung und Armut fliehen. Und auch nachvollziehen, dass dieser Überlebensinstinkt dazu führen kann, dass man bereit ist, mit dem Schlauchboot das Mittelmeer zu überqueren.
    Diese Situation zeigt uns auch die Gefahr einer Doppelmoral in der Politik: Wenn die Gefahr uns selbst betrifft, dann können wir Schulen schließen, Systeme herunterfahren und unseren Alltag stoppen. Aber wenn Menschen an unseren Grenzen ertrinken, erfrieren und menschenunwürdig behandelt werden, dann können wir sie ihrem Schicksal überlassen und wegschauen. Vielleicht bleibt von Corona eine Lektion gegen jede Überheblichkeit, wenn alles vorbei ist... Ich sehe in dieser Krise insofern auch eine Lektion, weil sie alle betrifft und uns auf schräge Art und Weise eint. Länder die sich gestern bekriegt haben, sitzen heute im gleichen Boot. Politiker, die gestern noch hässlich miteinander umgegangen sind, arbeiten jetzt zusammen.
    Dieses Virus will uns auch etwas über Rassismus lehren. Es ist nicht rassistisch. Dem Virus ist deine Hautfarbe und Religion egal. Es macht keinen Unterschied zwischen Muslim und Christ, schwarz oder weiß, links oder rechts.

    Am Ende mehr Zusammenhalt

    Irgendwann wird alles vorbei sein und wir werden unseren gewöhnlichen Alltag wiederhaben. Aber ich hoffe, dass wir dann mehr Zusammenhalt und Solidarität zeigen werden. Und nicht nur mit einander, sondern auch unserer Erde gegenüber! Es gibt bereits eine Solidaritätswelle, Menschen helfen sich gegenseitig, achten aufeinander, machen sich Mut. Über die sozialen Medien geben Menschen Konzerte, Lesungen, wird Nachbarschaftshilfe organisiert. Ich habe live auf Facebook von Zuhause aus ein Kabarett gemacht und mit meinen Facebook-FreundInnen viel gelacht.
    Meine Hoffnung ist groß, dass wir uns dann auch jenen Menschen gegenüber solidarisch verhalten werden, die schon seit Jahren um Hilfe bitten: Menschen in Not, egal woher sie kommen. Krisen und harte Schicksalsschläge führen dazu, dass man größer denkt als in seinen gewöhnlichen Kreisen!

    Und Apropos Klopapier. Von Klopapier war in Syrien sowieso nicht die Rede. Wir haben keins. In Syrien gibt neben jeder Toilette ein Wasserschlauch. Und Leute, glaubt mir:  Es ist viel sauberer.

    Alle Autor*innen

    Buch von Jad Turjman

    Coverabbildung von "Wenn der Jasmin auswandert"

    Jad Turjman Karim El-Gawhary (Vorwort) - Wenn der Jasmin auswandert

    Die Geschichte meiner Flucht

    Es gibt eine Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach einem Gefühl, nach der Heimatstadt Damaskus, nach dem Geruch von Jasmin. Jad Turjman ist ein junger Syrer, der sein Leben, bevor der Krieg ausbrach, in vollen Zügen genoss. Als der Einberufungsbefehl kommt, steht die Entscheidung schnell fest: die Flucht nach Europa ist die einzige Möglichkeit, um dem sicheren Tod zu entrinnen. Dieser Weg ist abenteuerlich und mühsam, jedoch begegnen ihm fünf „Schutzengel“. Schließlich kommt Turjman an einem Ort an, den er nicht gesucht hat, an dem er jedoch den Jasmin neu pflanzen kann. Jad Turjman hat seine Fluchtgeschichte in einer beispiellosen Intensität beschrieben, mit Humor setzt er uns einem Wechselbad der Gefühle aus. Atemberaubend.