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- Chronik eines Ausnahmezustands

Residenz-Autor*innen bloggen – Tag für Tag neu. #alleswirdgut

    23. März 2020

    Lou Lorenz-Dittlbacher, Wien

     

    „Hätten wir das gewusst“, höre ich in den letzten Tagen öfter, wenn wir darüber sprechen, was da so unvermittelt über uns hereingebrochen ist. Über das, was unser aller Leben so plötzlich und so einschneidend verändert hat. „Hätten wir das doch vorher gewusst.“ Ich bin mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass ich das nicht vorher hätte wissen wollen.
    Wie wären wir dann in der Silvesternacht in dieses Neue Jahr gegangen? Hätten wir die Chance gehabt, über irgendetwas anderes zu reden, als die bevorstehende Isolation? Über das neue Leben?
    Wir haben Silvester ruhig und innig verbracht. Mit Lebensfreunden, die uns seit Jahrzehnten begleiten. Wir haben gekocht, wir waren spazieren, haben mit den Kindern, die einander seit ihrer Geburt kennen, gespielt. Wir haben gelacht, gegessen und getrunken. Und wir haben über das gesprochen, was kommen wird in diesem Jahr. Über Pläne, Termine, den Sommerurlaub. Und natürlich den gemeinsamen Skiurlaub im kommenden Februar. Seit zwölf Jahren ein Ritual.
    Dieser Skirurlaub auf einer Kärntner Alm war vor sechs Wochen. Corona war damals schon da, aber noch weit weg. Schlimm, was in China los ist. Alles abgesperrt. Wie muss das sein? Unvorstellbar. Wir sprechen immer wieder darüber, aber wir ahnen nicht, wie nah das alles schon ist. Als wir uns verabschieden, sage ich: „Wir sehen uns dann im März, wenn es ruhiger ist.“
    Im März, wenn es ruhiger ist. Nein, ich hätte damals nicht wissen wollen, dass es im März so ruhig ist, dass es mir die Kehle zuschnürt. Dass die Kinder nicht in die Schule gehen können. Dass ich den Eltern den Einkauf vor die Tür stellen muss, ohne sie zu berühren. Dass das riesige Unternehmen, in dem ich arbeite, in dem es an jedem Tag des Jahres pulsiert, wie ausgestorben ist. Dass mir Menschen mit Schutzmasken entgegenkommen. Mit Ganzkörperanzügen und Handschuhen. Dass meine Körpertemperatur gemessen wird, wenn ich die Arbeit antreten will. Nein, das hätte ich nicht wissen wollen.
    Und doch entdecke ich in diesen absurden Tagen auch immer wieder Gutes. Noch nie haben wir einander so oft gefragt, wie es denn so geht. Noch nie haben wir so ohne Termindruck im Hintergrund mit den Kindern gespielt. Noch nie war es so unwichtig, ob alles so aufgeräumt ist, wie man es sonst immer haben will. Vielleicht haben wir einander noch nie so oft gezeigt, wie sehr wir einander mögen.
    „Wenn das vorbei ist, machen wir ein Fest“, schreibe ich unseren Freunden, die ich nun doch nicht im März, wenn es ruhiger wird, sehen kann. „Ausgemacht“, antworten sie. Und so wird es sein. So muss es sein.

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