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- CHRONIK EINES AUSNAHMEZUSTANDS

Residenz-Autor*innen bloggen – Tag für Tag neu. #alleswirdgut

    6. April 2020

    Michael Laczynski, Wien


    Jäger und Sammler

    Seitdem die Seuche Wien erreicht hat, ertappe ich mich immer wieder dabei, an meine Kindheit in der Volksrepublik Polen zu denken. Die Kindheit war gut, die Umstände schlecht. Zucker, Butter, Fleisch, Klopapier, Bücher – selbst der läppischste Scheiß musste im wahrsten Sinne des Wortes erstanden werden, sofern es ihn überhaupt gab. Und als im Dezember 1981 das Kriegsrecht ausgerufen wurde, war der Ofen gänzlich aus. An jeder zweiten Kreuzung ein Panzer, die Fernsehsprecher uniformiert (um sie im Falle einer live übertragenen Insubordination standrechtlich erschießen zu können), Ausgangssperre um 22 Uhr, und bei der Ausreise aus dem Wohnort wurde man von Soldaten kontrolliert. Soldaten fand ich damals cool – schließlich wollte auch ich, wie viele meiner Volksschulfreunde, entweder Kriegsheld oder Kosmonaut werden. Aber seit damals habe ich eine regelrechte Allergie entwickelt, was Kontrollen anbelangt. Immer, wenn ich eine Grenze überqueren darf (bzw. muss), werde ich nervös und kriege feuchte Hände. Und das Warten in der Schlange macht mich leicht aggressiv.
    Angesichts dieser Vorbelastung müsste ich mit den Corona-bedingten Einschränkungen des Alltagslebens eigentlich schlecht zurechtkommen. Dem ist aber nicht so, was mich selbst ein wenig überrascht hat. Ich habe mich, ohne zu murren, in die neue rot-weiß-rote Stammesgemeinschaft der Jäger und Sammler eingefügt. Im Supermarkt halte ich Abstand – und Ausschau nach interessanten und raren Waren. Während die Bedeutung von Klopapier meines Erachtens nach sehr überbewertet wurde – es gibt schließlich Zeitungen -, verhält es sich mit frischer Hefe genau umgekehrt. Zu meinem Leidwesen ist sie überall ausverkauft. Eigentlich habe ich vorgehabt, die Zeit daheim zu nutzen, um den traditionellen Germkuchen nach dem Rezept meiner Großmutter zu backen, den es bei uns daheim zu besonderen Anlässen gab. Daraus wird leider nichts, solange dieser Lieferengpass nicht behoben wird.
    In der Volksrepublik war Hefe übrigens immer zu haben – selbst in den dunkelsten Stunden des Kriegsrechts spendete Omas gelber Krisen-Kuchen einen blassen Schein Wohligkeit und Normalität. Dass ich eines Tages auf eine Produktkategorie stoßen würde, in der die sozialistische Planwirtschaft der freien Marktwirtschaft überlegen war, hätte ich mir noch vor wenigen Wochen nicht gedacht. 

    Alle Autor*innen

    Bücher von Michael Laczinsky

    Coverabbildung von "Augen auf und durch"

    Michael Laczynski - Augen auf und durch

    Gebrauchsanweisung für unruhige Zeiten

    Wie schafft man es, Diskussionen um Flüchtlinge, Abstiegsängste und Fake News zu führen, ohne dass die Debatte eskaliert? Wie geht man um mit faktenresistenten Besserwissern? Wie findet man sich im Mediendickicht zurecht und was muss man wissen, um sich von Populisten kein X für ein U vormachen zu lassen? Michael Laczynskis heiter-ironischer Leitfaden hilft, gelassen durch unruhige Zeiten zu navigieren.

    Coverabbildung von "Das letzte Jahr der Zukunft"

    Michael Laczynski - Das letzte Jahr der Zukunft

    Wie 1999 die Welt veränderte

    Finanzblasen und Schuldenkrisen, Wladimir Putin und Donald Trump, der Aufstieg Chinas und der Niedergang Europas, Castingshows und „Game of Thrones“, Smartphones und soziale Netzwerke, Populisten und Selbstdarsteller, Internet-Milliardäre und Ich-AGs, 9/11 und die Endloskriege im Nahen Osten – viele Entwicklungen, die unsere Zeit der Krisen und Konflikte prägen, hatten 1999 ihren Ursprung. Es war eine Zeit, in der die Zukunft zum Greifen nahe und die Hoffnung auf Weltfrieden und Wohlstand für alle nicht naiv, sondern berechtigt schien. „Das letzte Jahr der Zukunft. Wie 1999 die Welt veränderte“ schildert, wie der Karneval des Optimismus zu Ende ging und die Weichen für die Rückkehr einer längst überwundenen Vergangenheit gestellt wurden.