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Highlights

- CHRONIK EINES AUSNAHMEZUSTANDS

Residenz-Autor*innen bloggen – Tag für Tag neu. #alleswirdgut

    3. April 2020

    Zoran Dobrić, Wien


    Der Frühling 2020 gehört bereits unserer Zukunft an. Einer Zukunft, deren Gesichtszüge sich langsam, aber unaufhaltsam in unseren Alltag drängen und ihn prägen. Alles kommt so plötzlich, schnell und flutartig, dass man sich nur noch machtlos fühlen kann. Ja, auf den ersten Blick und nur auf den ersten Blick.
    Weder bin ich ein Verschwörungstheoretiker noch höre ich auf Verschwörungstheorien. Ich glaube, dass das Corona-Virus uns passiert ist. Niemand hat es aus einem Labor auf uns losgeschickt, um eigene Ziele zu verwirklichen und davon zu profitieren.
    Der Umgang der einzelnen Staaten mit dem Corona-Virus bezeugt allerdings die Abwesenheit jener Solidarität, die wir bis jetzt lebten und die uns zusammenhielt. Wer mehr bietet, der bekommt Respiratoren, Schutzmasken oder Corona-Tests, egal ob jemand anderer die Ware bereits bestellt und gar bezahlt hatte.
    Ich fand es erschreckend, wie unsere Medien und Politiker sich eher mit Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien anstatt mit Überlegungen zur Unterstützung und mit Hilfsangeboten beschäftigten, während in Wuhan täglich tausende von Menschen an Folgen von Covid-19 starben. 
    Wochenlang überlegten wir, warum Italien und warum die Lombardei neues Zentrum von Corona wurden, bis wir dann die Antwort serviert bekamen: Im italienischen Norden seien mindestens 10.000 Chinesen in der Textilindustrie beschäftigt, die alle mit ihren Familien, Verwandten und Nachbarn in Wuhan das chinesische Neujahrsfest gefeiert haben sollen. Während unseres Polemisierens starben Tausende von Italienern. Wir schauten buchstäblich zu, wie das dortige Gesundheitswesen zusammenbrach. Wir spotteten sogar darüber, wie „furchtbar unverantwortlich und korrupt“ die Italiener seien, wie „schlecht und billig“ das Gesundheitswesen dort. Währenddessen flog China Respiratoren, Schutzmasken, Medikamente und Ärzte nach Italien ein, um zu helfen.
    Italien hat insgesamt 5.200 Betten in Intensivstationen – wesentlich weniger, als die vielen an der schweren Lungenerkrankung leidenden Patienten dringend brauchen. Bis vor wenigen Wochen waren in Deutschland etwa 5.600 Intensivstation-Betten frei. Nur wenige an Covid-19 erkrankte Patienten aus Italien wurden bis jetzt in die anderen europäischen Länder eingeflogen. Aktuell sind über 100.000 Menschen in Italien an Corona-Virus infiziert und 13.155 an seinen Folgen gestorben.
    Nicht viele EU-Medien berichteten, dass in Bergamo die EU-Flagge durch die chinesische ersetzt wurde.
    Fast jeden Tag wird in den europäischen Medien das „Überleben der EU“ infrage gestellt. 560.000 Arbeitslose gibt es seit gestern in Österreich. Schon Hunderttausende Saisonarbeiter, wenn nicht mehr, haben die EU-Länder, in denen sie in Pflege oder Ernte arbeiten, verlassen und sind samt dem Corona-Virus zurück in ihre Heimat gereist. Wer von ihnen, wann und unter welchen Bedingungen wird wieder zurückkehren wird, steht in den Sternen.
    Lange, bevor wir vom Corona-Virus und seiner Bedrohung wussten, beschloss nicht nur die USA-Regierung gewaltige Summen an neuem Geld zu drucken, um die Kaufkraft der Bürger zu stärken und zu versuchen, die eigene Wirtschaft aus der Rezession zu retten. Jetzt müssen die Finanzmeister das bereits gedruckte Geld nicht mehr herschenken, sondern als „Hilfe“, als „Notfonds“ und bald auch als Kredite verkaufen. Wer was warum und wie viel bekommt, entscheiden weder Sie noch ich.
    Wer davon träumt, dass alle, die derzeit ihre Arbeit von Zuhause (Homeoffice) erledigen, nach der „Corona-Krise“ zurück in ihre Büros dürfen, irrt. Ich bin davon überzeugt, dass viele von uns gar nicht mehr im Büro arbeiten, sondern weiter vom „Homeoffice“ ihre Arbeit verrichten werden – selbstverständlich unter schlechteren Bedingungen. Genauso werden viele, die derzeit in die Kurzarbeit geschickt werden, nach der Corona-Krise ihren Arbeitsplatz verlieren oder nur langsam wieder vollständig beschäftigt werden. Wer auf Arbeitsrecht hofft, sollte nicht vergessen, dass man jedes Recht neu definieren und neu schreiben darf – besonderes in „prekären“ Situationen.
    Schon längst dienen unsere liebsten Smarttelefone nicht nur uns. Dass sie jetzt unserer Regierung verraten, wo wir hingehen und mit wem wir uns treffen, ist ja, „zu unserem Schutz“ - die Pandemie verbirgt viele Gefahren.

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    29. März 2020

    Zoran Dobrić, Wien
     

    Elternliebe in Corona-Zeiten (eine wahre Geschichte)

    Eine junge Wienerin, auf dem Rückweg von Brasilien nach Wien, ruft ihre Mutter vom Zwischenstopp am Lissabonner Flughafen an und erzählt ihr, sie sei nachgewiesener Weise in Berührung mit einer Covid-19-infizierten Person gewesen. Auf dem Flughafen habe sie gewisse Formulare lesen und unterschreiben müssen, die sie verpflichten, sich, sobald sie Wien erreicht, in Selbstisolation zu bringen und in Kontakt mit den Gesundheitsbehörden zu treten. Ihre Mutter ruft eine gute Freundin an, erzählt ihr davon und bittet sie um Hilfe. Die Freundin erzählt ihr, wie wichtig jetzt die Distanzdisziplin und unbedingte Quarantäne für ihre Tochter sei. Die Freundin bietet der Mutter das eigene Wochenendhaus als Quarantäne an und klärt die Mutter auf, wie sie mit ihrer Tochter kommunizieren und sie in das Wochenendhaus bringen solle.
    Trotz des Unglücks sind beide Frauen beruhigt, dass die junge Reisende auf die Schnelle gut versorgt werden konnte. Doch bald ruft die Mutter ihre gute Freundin wieder an, und erzählt ihr, der Vater ihrer Tochter sei mit der Lösung, die die beiden Frauen erarbeitet hätten, nicht zufrieden.
    „Was soll das arme Mädchen in einem Wochenendhaus weit weg von den Eltern tun? Wer soll ihr etwas zum Essen und Trinken bringen?“, meinte er.
    „Es ist wahr“, sagt die gute Freundin und organisiert in Kürze ein Apartment, unweit des ersten Bezirks, in dem die junge Frau zwei Wochen in Isolation verbringen könnte.
    „Bitte, es ist wichtig, dass ihr auf keinen Fall direkten körperlichen Kontakt mit ihr habt, sonst müsst auch ihr in Quarantäne. Am besten, mit zwei Autos hinfahren und eines der Tochter für die Rückfahrt übergeben.“
    Zwei Stunden später ruft die Mutter ihre Freundin an und berichtet ihr: „Weißt du, wir haben sie in meine Wohnung gebracht. So ist das Ganze für uns alle einfacher und sie ist nicht alleine. Das hätte ich nicht verkraftet.“
    Darauf fragt die gute Freundin, ob die beiden mit der Tochter körperlichen Kontakt hatten.
    „Ja, wir konnten ihr das nicht antun. Alle in der Ankunftshalle haben ihre Ankömmlinge begrüßt und umarmt, wie hätten wir sie ignorieren können?
    „Ich höre dich gehen, wo bist du gerade?“, fragt die gute Freundin.
    „Ich geh schnell zum Merkur, einkaufen. Uns fehlen ein paar Sachen.“
    „Hast du eine Gesichtsmaske oder Mundschutz an?“, fragt die Freundin?
    „Nein, woher? Alles wird gut“, antwortet die Mutter.
    „Und wo ist dein Ex jetzt?“, fragt die gute Freundin.
    „Er ist zurück ins Geschäft gegangen, du weißt eh, dass die Lebensmittelgeschäfte noch geöffnet sind. Die Leute müssen essen.“

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    23. März 2020

    Zoran Dobrić, Wien

     

    Erdbeben in Zagreb

    Was kann man sich gerade schlimmer als Covid-19 und seine verheerenden Auswirkungen vorstellen? Die Antwort ist: Wenn eine von dem Coronavirus heimgesuchte Stadt an einem Sonntagmorgen vom Erdbeben geweckt wird. Verstörende Bilder aus der kroatischen Hauptstadt: Einem der beiden Türme der Kathedrale von Zagreb fehlt die Spitze, beschädigte Häuser, Autos unter Trümmern, Dutzende Mütter stehen mit ihren Neugeborenen in Armen vor dem Spital, in dem sie noch vor wenigen Stunden ihre Babys auf die Welt gebracht haben. Ein 5,3 Magnitude starkes Erdbeben hat sie, wie auch viele andere Einwohner, gestern in der Früh auf die Straßen geschickt. Ärzte kämpfen um das Leben eines Mädchens, das von den Trümmern eines Gebäudes verschüttet war. Ich weiß, es wird alles wieder gut, aber jetzt gerade versuche ich bei den Menschen von Zagreb zu sein und denke: Was für eine apokalyptische Vorstellung, in einem Augenblick, in dem als einzig wirksame Schutzmaßnahme vor der Ansteckung die Selbstisolation gilt, die Rettung auf der Straße, unter Menschenmengen, suchen zu müssen. Dieses Bild macht klein und hilflos.

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    20. März 2020

    Zoran Dobrić, Wien

     

    Zwei Coronaviren sitzen in einer Bar in Bergamo und langweilen sich. Sagt das Erste: „Ich würde gerne noch was trinken.“ Das Zweite kontert: „Hier sperren ’s gerade zu. Gemma nach Tirol, die haben sicher offen.“ „Kommt mit, Jungs, ich hab‘ ’ne Bar in Ischgl“, sagt der Barkeeper.
    Wenn es nicht traurig wäre, wäre es lustig. Nun, es ist traurig, weil viele Menschen sterben werden, die es, wahrscheinlich, nicht hätten müssen, und wir eine wesentlich schnellere Ausbreitung des Covid-19 haben, als es notwendig wäre. Besonders schlimm, dass in den Tiroler und Vorarlberger Skigebieten auch viele Ärzte waren, die das Virus direkt dorthin brachten, wo das Virus auf keinen Fall hindurfte – in Spitäler, unter Kranke und Schwerkranke, unter Menschen, die dem Virus am wenigsten Paroli bieten können. Und nicht nur dass, je mehr verseuchte Spitäler, desto weniger arbeitsfähige Ärzte und weniger Chancen unser Gesundheitswesen aufrechtzuerhalten und den immer mehr Infizierten zu helfen. Genau dieses Szenario hat Italien heimgesucht, und genau das wollten die chinesischen Epidemiologen unbedingt in Wuhan vermeiden. Darum haben sie eigene „Corona-Spitäler“ gebaut, um die Epidemie von den öffentlichen Krankenhäusern fernzuhalten, sie zu „karantenisieren“ und so unter Kontrolle zu bringen.
    Kroatien ist auch ein Nachbarland von Italien und ist, noch mehr als Österreich, auf den Tourismus angewiesen. Die Zahl der Infizierten in Kroatien ist erst gestern bei 100 angelangt. Heute sind es 102 und ein Todesopfer. Bei uns in Österreich wurden bis heute 08:00 Uhr 2203 Infizierte und sechs Tote registriert.
    Die Dänen, Schweden und Norweger sind zurzeit „nur“ sauer, dass wir das Virus zu ihnen exportiert haben. Ich fürchte, sie werden es, wenn das Schlimmste vorbei ist, nicht dabei belassen, und das zu Recht. Die Infos über die „Versäumnisse“ der Tiroler Behörden sind nicht nur medial um den Globus gereist. In der Zeit des Klimawandels war der Umgang der Tiroler mit Covid-19 das letzte, was der österreichische Fremdenverkehr gebraucht hatte.
    Dabei hatten wir genug Zeit, aus den chinesischen und italienischen Szenarien zu lernen.

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    Buch von Zoran Dobrić

    Coverabbildung von "Ein Stück Leben"

    Zoran Dobrić - Ein Stück Leben

    Organtransplantationen im Spannungsfeld zwischen Ethik, Recht und Medizin

    Nehmen wir an, Sie wären eine Ärztin oder ein Arzt und hätten auf einer Intensivstation zwei 30-jährige Frauen – eine mit schwersten Kopfverletzungen und ohne Überlebenschancen, die andere mit einem angeborenen Herzfehler. Ohne Spenderherz stirbt sie in drei Tagen. Diese Entscheidungen übersteigen unsere emotionalen und ethischen Kompetenzen. Mediziner*innen, Ethiker*innen und Jurist*innen müssen sie treffen und das im Sinne des Lebens. Zoran Dobrić hat Patient*innen, Mediziner*innen, Lebendspender*innen, Familienangehörige von Verstorbenen, Wissenschaftler*innen und Theolog*innen befragt. Er war bei allen wichtigen Prozessen der Organtransplantation, auch bei Hirntoddiagnoseerstellung und Organentnahme, dabei.