Home / Corona-Blog / Andreas Tjernshaugen

Highlights

- Chronik eines Ausnahmezustands

Residenz-Autor*innen bloggen – Tag für Tag neu. #alleswirdgut

    30. März 2020

    Andreas Tjernshaugen, Oslo

    Aus dem Norwegischen übersetzt von Alexander Sitzmann

    Der Alltag ist nicht wirklich alltäglich

    Homeoffice ist an und für sich etwas ganz Alltägliches für mich, wie für viele andere Autoren auch. Ungewöhnlich ist, dass das Haus voller Menschen ist. Zwei Teenager werden zu Hause unterrichtet, und meine Frau Katrine, von Beruf Journalistin, schreibt im Stehen an einem Arbeitsplatz, den sie sich in der Küche eingerichtet hat. Ein anderer außergewöhnlicher Umstand ist ein ungesundes Interesse an Nachrichten, das stark an der Konzentration zehrt. Ich bin, ehrlich gesagt, in den letzten paar Wochen kein sonderlich produktiver Autor gewesen.
    Jeden zweiten Tag arbeite ich als Redakteur für das Große Norwegische Lexikon, und jetzt sitze ich auch an diesen Tagen zu Hause. Die Lexikonarbeit besteht aus vielen kleinen Aufgaben, die nacheinander auszuführen sind, und lässt sich während der Pandemie sicherlich besser bewältigen. Sie erfordert nicht dieselbe Konzentration wie das Schreiben eines Buchs, und ein Onlinelexikon zu betreiben, ist glücklicherweise eine Arbeit, die man leicht mit nach Hause nehmen kann. Ich treffe meine Redaktionskollegen jeden Morgen auf dem Bildschirm, mithilfe von Zoom. Einige der neuen Artikel, die wir in letzter Zeit im Lexikon veröffentlicht haben: Homeoffice. Lagerkoller. Langeweile. Die Lesestatistik spricht Bände: Die Menschen lesen über die Pest, die Spanische Grippe, Beatmungsgeräte und Viren.
    Wir hier zu Hause haben Glück. Wir haben einander, wir haben ausreichend Platz, und wir haben einen eigenen Garten vor der Tür. Die Bebauungsdichte ist locker genug, als dass man auf einen Spaziergang hinauskann, ohne sich oder andere der Ansteckungsgefahr auszusetzen. Mir tun Bekannte leid, die ihre Arbeit in der Krise verlieren oder mit ungeduldigen Kleinkindern zu Hause sitzen, welche auf ihnen herumklettern, während sie zu arbeiten versuchen, und die vielleicht in engen Wohnungen leben mit Nachbarn, die die Gelegenheit nutzen, lärmende Renovierungsprojekte in Angriff zu nehmen. Und ich mache mir selbstverständlich Sorgen um die Alten und Kranken und darüber, welche politischen Schreckensszenarien die wirtschaftliche Krise mit sich bringen wird. Beim Versuch, mir nicht allzu viele Sorgen zu machen – daraus entsteht selten etwas Gutes – suche ich dort Trost, wo ich es immer tue, in der Natur. Meisen und Stieglitze trällern von den Bäumen rund um das Haus. Insekten und Blumen erwachen langsam zum Leben. Auf einer Radtour durch Wald und Wiesen sehe ich, dass die Mäusebussarde aus dem Süden zurückgekehrt sind und begonnen haben, ihre Nistplätze einzunehmen.
    Die Infektion begann sich hier in Norwegen früher auszubreiten als erwartet, ihr Ausgangspunkt waren Menschen, die die Winterferienwoche im Februar beim Skifahren in Österreich oder Italien verbracht hatten. Die Behörden waren ziemlich früh mit der Schließung von Schulen und den meisten Begegnungsstätten dran, ab 12. März. Jetzt verfolgen wir täglich die Statistiken mit und hoffen, dass die Isolation hilft. Die für Norweger typische recht reservierte Haltung und das große Vertrauen der Menschen in die Behörden und in einander haben dieser Tage wohl auch ihre Vorteile. Die Infektionsschutzmaßnahmen stoßen auf ziemlich breite Zustimmung. Aber so langsam kommt es zu Gereiztheiten, einerseits weil Entlassungen und Konkurse um sich greifen, andererseits wegen der Angst von Menschen, die Erkrankungen haben, aufgrund derer sie gefährdet sind. „Führt Ausgangssperren ein“, sagen manche. „Was, wenn die Schweden recht haben“, sagen andere. Unser nächster Nachbar verfolgt eine weniger strenge Politik als Norwegen, dort sind immer noch viele Schulen offen. Ein schwedischer Freund postet ein Foto von etwas Schönem, das er bei einem Museumsbesuch in Stockholm gesehen hat, und ich schrecke zusammen. In Oslo sind die Museen geschlossen. Soll ich „Gefällt mir“ drücken, wie ich es für gewöhnlich tue?

    Alle Autor*innen

    Buch von Andreas Tjernshaugen

    Coverabbildung von "Von Walen und Menschen"

    Andreas Tjernshaugen Martin Bayer (Übersetzung) - Von Walen und Menschen

    Eine Reise durch die Jahrhunderte

    Der Wal gehört zu den größten und mächtigsten Tieren, die je auf dieser Erde lebten. Für Jahrhunderte war klar: Aus dem Fang dieser Kolosse lässt sich kein Profit schlagen – zu gefährlich waren die wochenlangen Schifffahrten und Jagden. Mit dem Einsatz von Motorbooten, modernen Harpunen und Geschützen änderte sich das jedoch… Andreas Tjernshaugen erzählt auf spannende Weise, wie Wale Jahr für Jahr große Reisen von den Eismeeren in wärmere Gewässer wagen. Er zeichnet detailgetreue Bilder der lebensgefährlichen Expeditionen der ersten Walfänger, die sie bis in die Polarmeere führten, und beschreibt den heutigen Kampf, die letzten Riesen der Ozeane am Leben zu erhalten.