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- CHRONIK EINES AUSNAHMEZUSTANDS

Residenz-Autor*innen bloggen – Tag für Tag neu. #alleswirdgut

    20. März 2020

    Lukas Kummer, Kassel

     

    Ich bin heute Morgen wieder um drei aufgewacht. Ich bin seit einer Woche erkältet (kein Corona!) und die Halsschmerzen reißen mich jeden Tag früh aus dem Bett. Dann Kaffee, Nachrichten, Twitter usw. Das Haus für einen längeren Zeitraum nicht zu verlassen, ist keine neue Erfahrung für mich. Als Comiczeichner isoliere ich mich in einer gewissen Regelmäßigkeit, um ungestört an meinen Projekten arbeiten zu können. Eine Beobachtung, die ich während dieser Arbeitsphasen immer wieder mache, ist die Verschiebung der eigenen Wahrnehmung. Das “Draußen” erscheint mir zunehmend befremdlich und surreal. Man betrachtet die Welt und sich selbst gefiltert, so, als wäre man sein eigener Poltergeist. Im Moment ist es ähnlich. Ohnmächtig beobachte ich, wie das vertraute Gefüge zu bröckeln beginnt, wie Ereignisse ins Rollen kommen und immer unaufhaltsamer talwärts stürzen. Im Tal selbst sehen wir, was auf dem Spiel steht und was kaputt werden kann, wenn sich das Geröll nicht doch noch irgendwo verfängt.  

    Ich habe es, im Vergleich zu den meisten, gerade sehr einfach. Keine Kinder, keine Verpflichtungen und finanziell reicht es auch. Ich darf also nicht jammern. Die gefühlte Surrealität ist ein Luxusproblem im Gegensatz zum Alltag vieler Menschen, in den die Realität längst Einzug gehalten hat. Sie müssen Entscheidungen treffen und Dinge tun, von denen ich mir nicht einmal eine Vorstellung machen kann. Und wiederum andere sind Meister darin, die Tatsachen zu verdrängen.  

    Wie das Ganze ausgeht, weiß noch keiner. Komischerweise mache ich mir kaum Sorgen. Mein Leben hat sich, wie eingangs erwähnt, kaum verändert. Ich frage mich nur, wann die Realität an die Tür klopft.  

    Alle Autor*innen

    Bücher von Lukas Kummer

    Coverabbildung von "Die Ursache"

    Thomas Bernhard Lukas Kummer (Illustrationen) - Die Ursache

    Eine Andeutung

    Im ersten Band seiner Autobiographischen Schriften betreibt Thomas Bernhard eine Ursachenforschung, die nichts und niemanden verschont: das Internat war ein Kerker, die Stadt Salzburg eine Todeskrankheit, die Vernichtung allgegenwärtig. Die einzige Lichtgestalt war der Großvater, der ihm von Mozart, Rembrandt und Beethoven erzählt. Diese „Ursachen“, die Bernhard hier mehr als nur „andeutet“, hinterlassen unauslöschliche Spuren in seinem ganzen Werk. Mit einem präzisen, sparsamen, fast realistischen Strich und einer eindringlichen Wiederholungs- und Variationstechnik gelingt es Lukas Kummer, Thomas Bernhards Erinnerungen an die Schrecken von Internat, Krieg und Nationalsozialismus sichtbar zu machen.

    Coverabbildung von "Der Keller"

    Thomas Bernhard Lukas Kummer (Illustrationen) - Der Keller

    Eine Entziehung

    Im zweiten Band der Autobiographischen Schriften beschließt der Schüler Thomas Bernhard, sich seinem Leben zu entziehen. Statt weiterhin die Schule zu besuchen, findet er im Keller einer Lebensmittelhandlung am Rande der verhassten Stadt, im Wohngetto der Besitzlosen und Kriminellen, eine Lehrstelle. Er lernt dort die von der Gesellschaft Ausgestoßenen kennen, denen er sich nahe fühlt, und er lernt erstmals, was es heißt, angenommen zu werden und „nützlich“ zu sein. Der Alltag im „Keller“ erweist sich als heilsam, die „Vorhölle“ wird zur „Zuflucht“, bis eine schwere Krankheit Bernhards Lehre ein jähes Ende setzt. Für den Ton des Autors findet Lukas Kummer hier eine aufgelockerte Bildsprache. Er begleitet Thomas Bernhard mit präzisem Strich durch diese vielleicht hellste Zeit seiner Jugend.