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- CHRONIK EINES AUSNAHMEZUSTANDS

Residenz-Autor*innen bloggen – Tag für Tag neu. #alleswirdgut

    18. März 2020

    Thomas Weber, Strasshof

     

    Kleist, Moos, Fasane

    Das Wasser aus der einen Tonne habe ich in die andere hinübergeschöpft. Gestern schon. Jetzt warte ich auf Regen. Bald werde ich gießen müssen. Meine Gedanken bei der Gartenarbeit drehen sich um das, was der Wind vom Radio herüberträgt, das ich zur Gesellschaft in der Mittagspause mit aus dem Haus genommen habe. Verknüpfen es mit dem, was ich beim Frühstück gelesen habe.
    In China verzögert sich heuer der Reisanbau, fällt mir wieder ein. In einigen Provinzen, die von den Behörden vorerst abgeriegelt bleiben, wird kein Getreide ausgesät.
    Auch nicht ohne, denke ich, während ich die Paprikapflänzchen und den aufkeimenden Mangold in seinen Schälchen verrücke. Dorthin, wo sie die meiste Sonne abbekommen werden.
    Haben sie die Feuer in Australien mittlerweile gelöscht? Brennt Brasilien eigentlich noch? Werde ich am Abend googlen.
    Wer hat nicht viel gelesen dieser Tage? Tagesaktuelles. Minutenaktuelles. Livestreams verfolgt. Ausgangssperren, Notbetten, Massenkündigungen. Ausnahmezustand überall. Hätten wir alle überreagiert, wir könnten einfach zu unseren altbekannten Katastrophen zurückkehren.
    Wird wohl nicht der Fall gewesen sein. Nur hier im Garten wächst alles wie immer. Solange die Tonne nicht leer bleibt.
    Drinnen kocht meine Frau. Morgen bin wieder ich dran. Wir wechseln einander ab. Ich bin ein paar Tage daheim geblieben. Jetzt arbeiten wir beide aus dem Homeoffice. Ich am Küchentisch, sie vom Schreibtisch zwischen den Bücherstapeln aus. Durch die Vorhänge kann sie mich sehen, wenn sie möchte. Ich bringe den Bienen zu trinken. Auf dem bemoosten Stein, den die Kinder im Vorjahr als Souvenir aus Schweden mitgebracht haben, landen sie besonders gerne, um aus dem Blumentopfuntersetzer Wasser zu holen. Die Kinder fehlen. Eigentlich hätten sie hier sein sollen. Irgendein Feiertag am anderen Ende des Landes. Aber nun, da die Schulen gesperrt sind, ist alles anders. Hier in der Nähe von Wien wie dort an der Grenze zur Schweiz. Die Züge sind tabu. Norditalien auch. Tirol ist Seuchenland, der Arlberg gesperrt. In Deutschland gibt’s kein Durchkommen. Aber ohne Internet – ja, eh – wäre alles noch viel schlimmer.

    Heute Abend wird gelesen. Was vom Bücherstapel. Und danach ein Hörbuch gehört. Ein Klassiker, für den ich mir sonst nicht Zeit nehme. Michael Kohlhaas, oder vielleicht irgendwas von Goethe. Oder soll ich aus Solidarität Zeitgenössisches runterladen, damit ein paar Cent bei einem Kollegen hängenbleiben?
    Vor ein paar Tagen habe ich den morsch gewordenen Flieder umgehackt und schwitzend beschlossen, mir am Abend einfach einen lustigen Film anzusehen. Nicht allzu viel nachdenken wollte ich, einfach nur lachen. „Ok, welches ist der lustigste Film, den ihr je gesehen habt?“, war meine Frage auf Twitter. Bud Spencer und Terence Hill wurden mir da nahegelegt, Louis de Funès und „The Big Lebowski“, „Die Nackte Kanone“ und „Das Leben des Brian“. Filme für mehrere hundert Stunden.
    Als es dunkel war, haben wir uns dann trotzdem wieder eine dieser Zombieserien angesehen und nach fast zehn Staffeln „The Walking Dead“ mit der ersten von „Fear the Walking Dead“ begonnen. Vielleicht, weil es sich weniger nach Eskapismus anfühlt.

    Als ich vorhin im Auto zum Arzt unterwegs war, um ein Medikament abzuholen, waren die Straßen menschenleer. Auf 23 Kilometern Hin- und Rückfahrt begegneten mir drei Autos. Dafür saß alle paar hundert Meter ein Fasan auf der Fahrbahn, ich sah dutzende Rehe und bremste gleich ein paar Mal für Feldhasen ab.
    „Ich wusste gar nicht, dass ihr in Europa richtige Hamster habt!“, hatte mir, merkbar begeistert, eine Freundin aus Chicago geschrieben. Sie arbeitet dort als Lehrerin, verlässt das Haus schon seit Tagen nicht mehr, fürchtet sich vor Plünderungen und ist froh, einen scharfen Schäferhund zu haben.
    Jetzt schafft es glatt wieder mal ein deutsches Wort in den englischen Sprachgebrauch, dachte ich, als wir über Trump chatteten. Doch der Kulturexport hatte nichts mit den „Hamsterkäufen“ zu tun. Im amerikanischen Fernsehen haben sie dieser Tage eine Doku über die Wildtiere am Zentralfriedhof gezeigt.

    Ich mach mich jetzt auf zum Bücherstapel. Es wird was Zeitgenössisches. Und wenn dann die Kinder da sind, seh ich mir mit ihnen endlich „Fack ju Göhte“ an.

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    Coverabbildung von "Ein guter Tag hat 100 Punkte"

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    Wir leben alle auf Pump, das hat sich herumgesprochen. Doch was hilft es zu wissen, dass jeder von uns maximal 6,8 Kilo CO2 am Tag verbrauchen darf? Wie lässt es sich trotzdem gut leben? Dieses Buch gibt konkrete Antworten: „Ein guter Tag hat 100 Punkte“, das propagiert eine Open-Source-Kampagne. All unser Tun, alle Produkte des Alltags werden darin mit Punkten bewertet. Dieses Punktesystem ist wissenschaftlich fundiert und bildet die Basis, auf der Thomas Weber alltagstauglich weiterdenkt. Er stellt Initiativen wie das „Wwoofen“ und „Foodsharing“ vor, besucht Reparaturnetzwerke und erklärt, warum wir lieber Karpfen statt Thunfisch essen sollten. Ausgezeichnet durch die Deutsche Umweltstiftung als Umweltbuch des Monats März 2015.

    Coverabbildung von "100 Punkte Tag für Tag"

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    Miethühner, Guerilla-Grafting und weitere alltagstaugliche Ideen für eine bessere Welt

    Wie verbessert man seinen ökologischen Fußabdruck und lebt dabei trotzdem gut? Wie sieht ein bewusster und schonender Umgang mit der Umwelt aus? Thomas Weber gibt konkrete Antworten auf diese Fragen und beschreibt Konzepte, die für jeden realisierbar sind. Mit Initiativen wie „Miete ein Huhn“‚ „Hack die Thujen klein“ und „Lass deine Sklaven frei“ sind ungewöhnliche Ideen dabei, die sich alltagstauglich umsetzen lassen. Nach dem großen Erfolg von „Ein guter Tag hat 100 Punkte“ stellt dieser Band weitere Möglichkeiten vor, das Leben nachhaltiger zu gestalten. Thomas Webers Vorschläge sind kreativ, manchmal provokant und immer eine Bereicherung.