Home / Blog / Ursel Nendzig

Highlights

- CHRONIK EINES AUSNAHMEZUSTANDS

Residenz-Autor*innen bloggen – Tag für Tag neu. #alleswirdgut

    31. März 2020

    Ursel Nendzig, Wien


    Gerade bekomme ich deutlich vor Augen geführt, dass sich mein Job ganz an der Spitze der Bedürfnispyramide abarbeitet. Niemand braucht Schön-Schreiben, wenn er Angst um sein Leben haben muss, um seine Sicherheit besorgt ist, keine Sozialkontakte haben, noch nicht einmal in ein Kaffeehaus gehen darf. Schönen Gruß von Herrn Maslow: du und deine Arbeit, ihr befriedigt kein Grundbedürfnis.
    Dabei ist mein Beruf sonst durchaus anerkannt. Auf Partys, in Mütterrunden, im Freundeskreis - Autorin zu sein war bisher mit das Interessanteste an mir. Ich denke nicht, dass das bei einer hart arbeitenden Altenpflegerin ähnlich gelagert ist. War, meine ich. Weil: Jetzt hat sich die Pyramide auf die Spitze gestellt. Eh zurecht.
    Die Sache hat aber noch eine andere Seite und die geht so: Die Kraft, die in den Worten steckt, war noch nie so deutlich wie jetzt.
    Schreckliche Kraft, wie etwa im Wort „Großlazarett“ das uns die schirchsten der schirchen Bilder heraufbeschwört. Manipulierende Kraft, wenn Gerüchte verbreitet werden von Plünderungen und Ausgangssperren und Inhaftierungen, die gar nicht stimmen, aber trotzdem: über die Worte haben sie ihr Gift schon verbreitet. Beruhigende Kraft: Wenn man gut recherchierte, auf Fakten ruhende Artikel lesen kann, die einem erklären, welche Konsequenzen welches Verhalten nach sich zieht. Die aufmunternde Kraft, die man selber spürt, wenn man das betagte Pärchen in der Wohnung neben dem Büro anruft – ihr Telefon durch die Wand klingeln hört, man hört dieses Klingeln sonst nie – und ihnen Hilfe anbietet, weil die beiden völlig allein sind. Direkt am Telefon die beängstigend geschwollenen Worte aus einem Schreiben vom Finanzamt für sie übersetzt und ihnen, wieder mit Worten, das Gefühl vermittelt, dass jemand an sie denkt. Und dann ist da auch noch diese erhebende Kraft, die Kraft der Gedichte, der Literatur, der Songs, die uns durch diese Zeit tragen und ihre Wirkung entfalten. 
    Insofern ist es doch so: diese Pyramide, die besteht nicht aus Schichten, die sich nicht gegenseitig berühren. Es ist viel mehr eine wilde Mischung, alles hängt zusammen. Wer um sein Leben fürchtet, braucht trotzdem die Kraft der schönen Worte. Gerade der.

    Alle Autor*innen

    26. März 2020

    Ursel Nendzig, Wien


    10 Tage in Isolation, nur wir vier. Die Familiendynamik ändert sich. Die beiden Söhne, neun und sieben Jahre alt, laufen, sich prügelnd, durchs Wohnzimmer. Der Mann und ich schauen zu, über den Rand unserer Teetassen hinweg, es ist ein bisschen wie Kino. Diese beiden sich balgenden Kinder, die abwechselnd und gleichzeitig lachen, weinen und schreien, die wie ein Knäuel zwischen unseren Möbeln durchwirbeln, die gehen uns nichts an. Aber es ist spannend, sie zu beobachten. Hat der Große den Kleinen grade wirklich gebissen? Ja, ich hab es auch gesehen. Schau, obwohl er einen Kopf kleiner ist, kann er ihn im Schwitzkasten halten. Uh, ist das Blut an der einen Backe oder Ketchup? Was ich jedenfalls sagen wollte: könntest du ein Brot einkaufen? Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, es ist Ketchup.
    Das war zu Beginn der Isolation anders, in Phase eins.
    In Phase eins waren wir, so merkwürdig das klingt, euphorisch. Wir hatten das Gefühl, am Beginn eines Abenteuers zu stehen. Wir würden zuhause bleiben, die Kinder unterrichten. Wir würden Hochbeete bauen und im Kinderzimmer endlich den Schreibtisch aufstellen. Davor würden wir ausmisten. Wir würden so viel Zeit zusammen verbringen, Essenspläne aufstellen und kochen, kochen und kochen. Ganz in Ruhe. Und zusammen sein, reden, Spiele spielen, ach, es würde eigentlich richtig schön werden.
    Phase eins dauerte insgesamt zwei Tage.
    Am ersten Homeschooling-Tag holte uns Phase zwei ein: Überforderung. Wie sollen wir das alles bitte hinkriegen? Wann werden wir bitte wieder Geld verdienen? Wie schaffen wir das bitte, ohne uns zu zerfleischen? Die mühsam zusammengeschusterte Strategie: sich zusammenreißen, sich an Pläne halten, so viel Normalität wie möglich wahren. Dazu gehört natürlich auch: jeden einzelnen Streit der Kinder zu schlichten.
    Diese Phase dauerte wieder zwei Tage.
    Aktuell befinden wir uns also in Phase drei, die vermutlich längste Phase dieser Isolation. Sie ist bestimmt von Resignation. Wir können nicht jeden Streit schlichten. Also beschränken wir uns auf jene, die drohen, blutig zu enden. Den Kindern haben wir das auch klar gemacht: Hört zu, wir fahren sicher nicht in ein Krankenhaus mit euch. Erstens, die Ansteckungsgefahr, zweitens ist seit 16 Uhr Schnaps in meinem Tee.

    Alle Autor*innen

    20. März 2020

    Ursel Nendzig, Wien

     

    Corona treibt auf die Spitze, was Elternsein heißt. Nämlich: Keine Ahnung zu haben, was zu tun ist. Und trotzdem den Anschein zu erwecken, man habe alles im Griff.

    Den Unterricht zuhause abzuhalten, zum Beispiel. Ich weiß nicht, wie man das macht. Wie oft brauchen Kinder eine Pause beim Lernen? Wie geht der Trick beim Dividieren durch eine Zweistellige Zahl? Muss man ins Rechenbuch mit Bleistift oder Füllfeder schreiben? Beim Antworten gebe ich mich so sicher, wie ich kann. Nach einer dreiviertel Stunde. Man rundet die Zahlen erst einmal. Bleistift.
    Die Quarantäne, auch so schwierig. Ob das was bringen wird? Ob wir das kriegen? Ob die Oma und der Opa daran sterben können? Ob wir sie jetzt an Ostern besuchen dürfen oder nicht? Ich antworte, wieder, so sicher ich kann. Ja. Vielleicht. Vielleicht. Nein. Aber ich stelle mir selber genau die gleichen Fragen. Vor allem diese: Wie lange wird es dauern?

    Das ist die größte Unsicherheit, dieses ungewisse Ende. Neun Wochen Sommerferien sind schon eine Herausforderung, zwei Kinder daheim, zwei Selbstständige, es dauert immer zwei oder drei Wochen, bis sich alles eingespielt hat. Pläne helfen, ganz banale: Tagespläne, wer wann arbeiten darf. Essenspläne. Aktivitäten aufschreiben, die man machen möchte, jede Woche darf einer einen Ausflug aussuchen. Neun Aktivitäten, die Woche Urlaub abgezogen, bleiben acht. Die Woche bei den Großeltern, bleiben sieben. Sieben Essenspläne, sieben Ausflugsziele, sieben Wochen. Das geht.
    Aber das hier ist neu: Planen für eine unbekannte Zeit.Sommerferien, da fällt mir ein: auch so eine Sache, die wir für gegeben angenommen haben. Wie Unterrichtsbeginn um acht. Wie Ladenöffnungszeiten. Wie Spielplätze, Fußballplätze, Kindergeburtstage. Diese Situation gerade ist wie eine Erinnerung daran: wir haben uns das alles nur ausgedacht. Wir haben uns diese ganze Konstruktion aus dem Nichts überlegt, fixiert und festgelegt. Und wenn wir es uns wegdenken, ist es auch wieder weg. Alles, woran wir uns so klammern, unsere Routinen, alle weg. Wir stützten uns die ganze Zeit auf ein dünnes, fragiles Geländer.
    Es ist ein Impro-Stepptanz, ohne Choreo, dafür mit Hebefiguren. Mal sehen, wie lange unsere Puste hält.

    Alle Autor*innen

    Bücher von Ursel Nendzig

    Coverabbildung von "Die Henne und das Ei"

    Ursel Nendzig Renée Schroeder - Die Henne und das Ei

    Auf der Suche nach dem Ursprung des Lebens

    Was ist der Mensch? Jeder Mensch will wissen, was oder wer er ist. Bei ihrer spannenden Suche nach dem Molekül des Lebens hat die Biochemikerin Renée Schroeder bahnbrechende Entdeckungen gemacht. Auf der Suche nach Erkenntnis hinterfragt sie unerschrocken die Möglichkeiten der Genetik und bezieht im Disput um Glauben gegen Wissen eindeutig Stellung für die Wissensgesellschaft. Tabus kennt sie dabei nicht. Die Frage nach dem Ursprung des Lebens führt die Forscherin weit über die Grenzen ihres Faches hinaus zu den Grundfragen des Seins. Woher kommen wir, wo geht es hin? Wie funktioniert Evolution, und welche Rolle spielt der Zufall? Renée Schroeders undogmatisches Denken über die Grenzen unserer Wahrnehmung öffnet gedankliche Türen und macht neue Sichtweisen möglich. In diesem Buch erklärt uns die leidenschaftliche Wissenschaftlerin, was angewandte Bioethik ist und welche Bedeutung das Henn-Ei für unsere Zukunft hat, und sie führt uns ein in die wunderbare Welt der Moleküle.

    Coverabbildung von "Von Menschen, Zellen und Waschmaschinen"

    Ursel Nendzig Renée Schroeder - Von Menschen, Zellen und Waschmaschinen

    Anstiftung zur Rettung der Welt

    Die Biochemikerin Renée Schroeder lernt von Zellen und Bakterien, wo es kontrolliertes Wachstum und selbstloses Verhalten gibt. Denn angesichts von zügellosem Wirtschaftswachstum und explosionsartiger Zunahme der Weltbevölkerung ist heute eines klar: So kann es nicht weitergehen. Eine neue Gesellschaft mit neuen Werten muss gefunden werden, in der Qualität über Quantität steht. Renée Schroeder schlägt Brücken zu ihrer Forschung und zeigt auf, wie wir uns und den Planeten retten können. Das wichtigste Gebot aber lautet: Denke weiter! Eine furchtlose Streitschrift, ein Plädoyer für die Verantwortung, ein Aufruf zum Umdenken – ein Buch, das Mut macht.

    Coverabbildung von "Die Erfindung des Menschen"

    Ursel Nendzig Renée Schroeder - Die Erfindung des Menschen

    Wie wir die Evolution überlisten

    Das Verständnis der Auferstehung wird zur Erkenntnis-Aufgabe für jeden Menschen, dem die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht gleichgültig ist. Vor 70.000 Jahren war der Mensch zum ersten Mal in der Lage, etwas zu denken, was es nicht gibt. Was banal klingt, ist die Geburtsstunde der menschlichen Kultur und der Startschuss für eine Reihe von Erfindungen, die den Menschen geprägt und nicht nur zum Besseren verändert haben. Er erdenkt Mythen, Religionen, erfindet Sprache, Geld und Rassismus. Jetzt steht der Mensch kurz vor seiner größten Erfindung: sich selbst. Denn die Wissenschaft ermöglicht es ihm, seine Evolution selbst fortzuschreiben. Renée Schroeder blickt auf die kurze Zeit, die der Mensch bisher gelebt hat, macht einen Ausflug in seine Genetik und ruft eine neue Aufklärung aus.

    Coverabbildung von "Renée Schroeder"

    Ursel Nendzig - Renée Schroeder

    Alle Moleküle immer in Bewegung

    Renée Schroeder ist eine Frau mit vielen Facetten. Die Biochemikerin hat sich von Wien aus einen Platz in der internationalen Spitze der Wissenschaft erkämpft. Kein leichtes Unterfangen als Frau in diesem Fach. Nun startet sie im „Unruhestand“ eine neue Karriere als Bäuerin mit dem Forschungsfeld „Wildkräuter“. Ein konventionelles Leben hat Renée Schroeder noch nie geführt. 1953 in Brasilien geboren, ging die Reise in ihrer Kindheit über Luxemburg nach Bruck an der Mur. Die Wanderjahre absolvierte sie in München, Paris und den USA, um anschließend in Wien ihre berufliche Heimat zu finden. Zwischen Wissenschaft und Feminismus hatte die überzeugte Atheistin bis heute viele Kämpfe auszutragen… Eine spannende Biografie über eine außergewöhnliche und konsequente Frau.